Verdammt in alle Ewigkeit?

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„A.Ort.A“ gründete sich Anfang 2005 aus der Diskussionsplatt­form „zeroLab“– einer Gruppe von jungen Architektinnen und Architekturinteressierten, deren Ziel es war, die interne Gesprächs­förderung im architekturbezogenen Arbeitsumfeld im oberösterreichischen Raum zu forcieren. „A.Ort.A“, initiiert Arbeitsgruppierungen zu speziellen, vorrecherchierten Themen im Bereich Architektur und Städtebau, in diesem Schwerpunktbeitrag als Arbeitsgruppe Nach_wie_Vor_Linz 07 zum Stadtraum Wiener Straße.

Das Linzer Bahnhofsviertel ist seit Ende der 1990­er Jah­re einer starken baulichen Wandlung unterzogen, die mit dem Bau des Musiktheaters am Blu­mauer Platz ihren (vorläufigen) Höhepunkt er­reichen wird. Drei Tür­me sind das weithin sichtbare Zeichen in der Lin­zer Silhouette.

Dahinter stehen als treibende Kräfte Umstruk­tu­rie­run­gen in der verstaatlichten und staatsnahen Wirt­schaft (ÖBB, Energie AG, …) sowie in der Ver­waltung und Dienstleistung des Landes (Landes­dienst­leis­tungs­zentrum LDZ) und der Stadt (Wis­sensturm) selbst, einhergehend mit der Moder­ni­sierung der Infrastruktur von Staat, Land und Stadt (Westbahn, Westring, Öf­fent­licher Perso­nen­­nah­verkehr, …), auf Grund politisch und/oder be­triebswirtschaftlich formulierter Zie­le unter dem Einfluss einer globalisierten Ökonomie.

Der Globalisierungsprozess seit Mitte der 1980er Jahre veranlasste die kapitalistische Raum­pro­duk­­tion sich im­mer mehr nach finanzstrategischem Kalkül als nach lokalen Bedürfnissen zu richten. Aufwertungen von Stadtteilen durch bauliche Maß­nahmen (Gentrifi­ka­ti­on), um vornehmere Be­völkerungsschichten anzuziehen, verdrängen all jene, deren Anwesenheit allein schon dem gesellschaftlichen Mittelstand die Fragilität des Wohl­stands vor Augen führen würde. Privatisie­rung und Überwachung des öffentlichen Raumes schlie­ßen zunehmend Möglichkeiten für „Anders­heit“ aus; eine Tendenz, die sich auch im öffentlich medialen Raum (elektronische Massenme­di­en, Medienästhetik …), in der Sprache (Marken, Slo­gans, … Männlichkeit: „Po­wer Tower“) und im kulturellen Diskurs (Sponsoring, Copyright, …) wi­derspiegelt.

Raum ist ein soziales Produkt, doch wird seine Wahr­neh­mung als solches durch die „Illusion der Transpa­renz“ (Henri Lefèbvre), nämlich der Il­lu­si­on, die Welt so sehen zu können, wie sie ist, verschleiert. Die fiktive Offenheit des Raumes verdeckt subtile Grenzen des Ausschlusses, der Be­schränkung, des „Anderen“. Als Grenzen werden oft nur – im Sinne einer herrschaftlichen, militärischen Sichtweise – Barrieren (z.B. West­bahn­tras­se) oder manifeste Orte des Ausschlusses oder der Bedrohung erkannt. Soziale, politische, kulturelle Grenzen, die der Wahrnehmung und somit dem (kritischen) Denken entzogen werden, paralysieren Grund­rechte, die so keinen Raum freigeben können für eine „Andersheit“.

Wenn wir versuchen, im Sinne der von Paul Car­ter pro­pagierten Umformulierung von Grenze, die­se nicht nur, wie bereits erwähnt, als Orte der Bedrohung, des Ausschlusses, sondern auch der Kommunikation von Unterschieden zu sehen, dann sind sie nicht nur notwendig für den Zu­sam­menhalt eines Territoriums, Kör­pers oder Rau­mes, sondern geben Raum frei für die An­­ders­heit – auch im Sinne einer Voraussetzung für urbane Diversität und Auseinandersetzung. Nach Lin­da Pollak sind Grenzen „Orte der Ausei­nan­dersetzung und Ambiguität, an denen Unter­schie­de ihre wechselseitige Abhängigkeit enthüllen, … und Beziehungen zwi­schen Architektur, Land­schaft, Stadt und Subjekt neuen Deutungen un­ter­zogen werden können.“1

Katalysator für eine Neuinterpretation auch in die­sem Sinne könnte der Neubau des Musikthe­a­ters sein. Als Kulturbau mit sicherlich auch überregionaler Attrak­tion, mit dem Foyer direkt an den Volksgarten gerückt, verkehrstechnisch gut an­gebunden und in einer Si­tu­a­tion an einer der wesentlichen Barrieren in der Stadt (West­bahn­trasse), hat es gute Voraussetzungen dafür. Auch wenn oder trotzdem es die Weiterführung der Landstraße in die Wiener Straße unterbindet, al­so Gren­ze/Barriere ist!

Zusätzlich sind unterstützende Interventionen empfehlenswert und zum Teil im Rahmen des weiteren Aus­baus der Infrastruktur, des Um­struk­turierungs­prozes­ses der ÖBB, … auch möglich: Einer mit den verkehrspolitischen Absichten der Europäischen Union konvergierenden Initi­a­tive mehrerer Staatsbahnen folgend, um u.a. die Intercity-Züge im Vergleich zu den billigen Kurz­flügen zu attraktivieren, soll in naher Zukunft die Westbahn durchgängig „beschleunigt“ werden. Eine notwendige Maßnahme dazu ist der Ausbau auf vier Gleise, damit verbunden eine Verbrei­te­rung der Bahn­trasse auch im innerstädtischen Be­reich. Mittelfristig werden weiters das Gebäu­de der Landesdirektion und das Areal der Be­triebs­werkstätten der ÖBB, südlich der Bahn­tras­se, für neue städtebauliche Ausfüh­run­gen zur Ver­fügung stehen. Daneben ist in Folge des ge­plan­ten Baus des Linzer Westrings die Blumau­er­straße auf ein Verkehrsaufkommen von ca. 32000 Kfz/Tag und eine zweite Ausfahrt der Tief­garage unter dem Lan­des­dienst­leis­tungs­zen­trum für den Notfall projektiert, wel­che zwischen der Bahntrasse und der ÖBB-Lan­des­direktion mit ei­ner Serpentine die Böschung zur Unter­führung Blu­mau/Wiener Straße hinabführen soll (s. La­geplan).

Diese beabsichtigten Maßnahmen bieten einige In­ter­ven­tionsmöglichkeiten: Der abgebildete Vor­schlag zielt darauf ab, zwischen Landesdienst­leis­tungszentrum und der Unterführung Blumau die begrenzende und separierende Wirkung des derzeitigen Bahndamms im o.g. Sinne zu modifizieren, indem verbindende, kommunikative Elemen­te verstärkt und dessen objekthafte, al­so von der Topographie weitgehend isolierte, Ausbil­dung an­gestrebt werden; also real und suggestiv: Der Damm wird zur „Brücke“.
Scheint auf Grund der topographischen Situation ein Überqueren der Bahntrasse auch für Fuß­gän­ger zu auf­wändig, ist ein Unterqueren an bereits mehreren Punk­ten möglich und auch leichter zu modifizieren – im Zu­ge eines Ausbaus der West­bahn­trasse, der den Raum unter der Verbrei­te­rung offen lässt. Dieser wird, vom Bahnhof kommend, durch Rampung (Garagennot­aus­fahrt, s.o.), bzw. Absenkung des Geländes zwischen der ÖBB Landesdirektion und der Bahntrasse kontinuierlich frei gegeben (Damm wird „Brücke“) und mit der anschließenden Wiener Straße und dem oben erwähnten Areal südlich der Trasse mit der modifizierten Un­terführung verbunden; für das Ge­bäu­de der Landes­di­rektion erschließen sich durch die teilweise Frei­le­gung des Keller­ge­scho­ßes neue Nutzungsqualitäten zur weiteren At­trak­tivierung der fußläufigen Verbindungen ...

1     Linda POLLAK, Die abwesende Mauer und andere Grenzfragen, in: Daidalos 67, Positionen im Raum

Arbeitsgruppe Nach_wie_Vor_Linz 07: Sabine Funk, Jürgen Haller, Wolfram Mehlem, Herbert Moser, Monika Perner, Christoph Weidinger

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FotoautorInnen: 
Arbeitsgruppe Nach_wie_Vor_Linz 07

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