1968 in Linz

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spotsZ wollte nach dem medialen Berichterstattungshype der letzten Wochen über das Jahr 1968 wissen, was eigentlich damals in OÖ los war. Irene Dyk-Ploss, heute Professorin am Institut für Gesellschaftspolitik an der Johannes Kepler Universität war im legendären Jahr 21-jährige Soziologiestudentin in Linz.

Daniel Cohn-Bendit, Sprecher der StudentInnenbewegung in Berlin, heute grü­ner EU-Parlamentarier, konstatierte jüngst im Standard der 68er Be­we­gung bestenfalls noch, dass diese Anlass war für einen Umschwung in der Gesell­schaft. Von seiner politischen Aktivität distanziert er sich, ebenso wie Josch­ka Fischer. Wie beurteilen Sie als Aktivistin dieser Zeit in OÖ diesen Wandel? Muss man sich heute davon distanzieren?
Ich glaube, da muss man den Unterschied zwischen Österreich und Deutsch­land herausarbeiten. In Deutschland war die gesamte Szene um einiges re­vo­lu­tionärer, es ist zu Vorfällen gekommen, wie es sie in Österreich nicht ge­ge­ben hat. Zumindest was die Umgebung in Linz betrifft. 68 hat bei uns si­cher auch sehr deutliche Wirkungen gehabt. Aber es hat keine wirklich ra­di­kale Entwicklung gegeben und daher auch keinen Grund, sich davon zu dis­tan­zie­ren. Ich stelle eher, in Österreich und auch in Oberösterreich, fest, dass ei­nige Leute behaupten, sie seien da mitten drin und echte 68er gewesen, die ich jedenfalls in dieser Phase nicht wirklich wahrgenommen habe. Jeden­falls nicht mit einem Background, der in Richtung Aufbruchstimmung geht. Das waren unter anderem Studierende, die seinerzeit CV Mitglieder gewesen sind und von denen nur ganz wenige mit der 68er Bewegung sympathi­siert haben, viele aber eher sehr konservative Argumente dagegengehalten haben.

Wie war die Stimmung an der Linzer Uni? Man hat die Dinge, die in Deutsch­land passiert sind, sicherlich wahrgenommen, hat man sich daran beteiligt, gab es Solidarität?
Es hat eigene Ereignisse gegeben, die Initialzündungen für Protestver­samm­lun­gen, für Sit-Ins usw. waren. Ein Thema, wo 1968 tatsächlich nahezu alle Studierenden dahinter standen, war, dass eine wissenschaftliche Hilfskraft, Manfred Eder, von Professorenseite nicht aufgenommen werden sollte. Da­mals gab es eine sehr heiße Veranstaltung im HS 1. Die Studierenden haben sich durchgesetzt. Es hat Lehrveranstaltungsboykott gegeben, es sind Insti­tu­te besetzt worden, nicht nur in dieser einen Situation, auch in Situa­tio­nen, wo es Probleme mit Klausurbeispielen gegeben hat, unlösbare Klau­sur­beispiele in der Mathematik beispielsweise, das hätte um ein Haar einem Assistenten den Kopf gekostet. Da mussten wir Studierende dann wieder zu­rückrudern, denn dass er seinen Job verliert, das wollten wir nicht.

Bei dieser Geschichte mit Manfred Eder gab es ja eine Vorgeschichte, da ging es um Sonderzahlungen für Professoren, die er aufgedeckt hat.
Diese Sonderzahlungen, wie man sie auch nennen kann, das waren die so ge­nannten Aufbauzulagen für Professoren. Die Universität Linz war zwei Jahre alt zu diesem Zeitpunkt und es war in den Anfängen nicht leicht, Pro­fessoren zu berufen, die zum einen die Fächer abdeckten, die für Österreicher teilweise ganz neu gewesen sind und zum anderen doch auch einen ge­wissen Ruf hatten. Um qualifizierte Leute zu bekommen, wurden Aufbau­zu­lagen gezahlt. Das Problem war, dass diese Aufbauzulagen bis weit in die 70er Jahre gegangen sind und sie dann von attraktiven Bewerbern auch als Druckmittel genutzt wurden. Dadurch wurde jedenfalls offensichtlich, dass es ziemliche Unterschiede in der Bezahlung gegeben hat, was von Seiten der Studierenden sicher nicht nach­vollziehbar war.

Welches Selbstbild hatten die Studierenden der Linzer Uni damals?
Allgemeine Aufbruchstimmung war da. Es ist meiner Meinung nach interessant, dass es keine wirkliche Dichotomie zwischen rechts und links gegeben hat, es war ein Kontinuum mit sehr fließenden Grenzen. Ich selber kom­­me aus der katholischen Hochschulgemeinde, diese war damals außerordentlich progressiv, auch für heutige Verhältnisse. Ich war die erste Pri­ma der katholischen Hochschulgemeinde und ich bin so etwa vierteljährlich zum Bischof zitiert worden, weil es wieder Probleme gegeben hat, die der Amtskirche sauer aufgestoßen sind.
Gerade im Rahmen dieser katholischen Hochschulgemeinde, die im Übrigen ganz eng mit der sehr kleinen evangelischen Hochschulgemeinde zu­sam­mengearbeitet hat, haben sich Proponenten der ganz linken Szene ge­fun­den, aber auch welche aus dem rechten Eck.
 
Was waren die gemeinsamen zentralen Forderungen oder Ideale?
Die zentralen Forderungen waren bescheiden und auch nicht. Dazu gehörten Dinge, wie sie auch heute den studentischen Alltag bestimmen, etwa die Fra­ge der Mensapreise, des Lehrveranstaltungsangebots, der Beurtei­lung von Lehr­veranstaltungen, wie heute die Frage, wann LV abgehalten wer­den dür­fen. Es gab damals einen sehr hohen Anteil an berufstätigen Stu­­dierenden, für die die Tatsache, dass der Unterricht zwischen 08.00 und 18.00 h abgehalten wird, ein Problem war. Das Problem ist bis heute nicht gelöst. Es gab auch kleine Randthemen, z.B. die Besuchserlaubnis in den Stu­denten­hei­men. Es war ja durchaus nicht so, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt, damals 22.00 h, sich Männlein und Weiblein in einem Studenten­heimzimmer treffen durften. Wir haben 1969 in der KHG ein Sleep-In veran­staltet, die Be­woh­ner­In­nen des Mäd­chen- und des Knaben­trakts haben ihre Matratzen ge­packt und die Wohnung des Heimleiters blockiert. Leider hat es uns aber nichts ge­holfen.

Abseits der konkrete Dinge, die damals bewegt haben: Weltpolitik, Kuba, Viet­nam, war das auch Thema?
Ja. Aber da sind die Gruppen auseinander gedriftet, Ich kann diese Frage am besten anhand der Mitglieder der KHG beantworten, da gab es zwei Grup­pierungen. Die „Intellektuellen“ und die „Würstlbrater“. Ich gebe zu, bei den Letzteren dabei gewesen zu sein, bei denen, die stärker im studentischen Alltag verhaftet waren und auch mit Festen und Feiern zu tun hatten, daher der Name. Die Grenzen waren fließend. Wir haben sehr viel Mü­he darauf ver­wendet, prominente Referenten einzuladen, das ist uns ganz gut gelungen, weil wir einen sehr offenen Hochschulseelsorger hatten. Die große in­tel­lektuelle Revolution ist es an der Linzer Uni wohl nicht gewesen.

Damals war ja Helmut Kukacka ÖH-Vorsitzender. Er sagt heute, dass es zum guten Ton gehört hat, nach Berlin zu den Demonstrationen zu fahren. Waren Sie auch mit dabei?
Ich habe zu denen gehört, die Ende 68 sehr viel mit den aus der Tsche­cho­slowakei kommenden Studierenden zu tun hatte. In dem Rahmen war ich aktiv. Da hat es eher Ost-Kontakte gegeben, wo ver­sucht wurde, mit diesen Problemen umzugehen. Dass das dann eine eher antikommunistische Aus­­richtung war, ist klar. Links und antikommunistisch hat sich damals aber nicht unbedingt ausge­schlossen.

Gab’s nicht vor allem auch in der katholischen Be­wegung einen unpolitischen Zugang über Äußerlichkeiten: Musik, lange Haare, etc. Wie brav war Linz? Wie war die Stimmung in der Stadt?
Von der Optik her haben viele ihren Protest da­mit artikuliert, mit ganz langen oder in meinem Fall mit ganz kurzen Haaren und langen Röcken herumzulaufen. Es hat eine Rolle gespielt, aber keine so große. Ein Ausstrahlen in die In­nen­stadt war aber nicht wirklich be­merk­bar. Es gab ein einziges Lokal, die Berger-Mama, das war ein Lo­kal, in dem es im Unter­ge­schoss ein bestimmtes „anderes Gewerbe“ gab und im obe­ren Ge­schoss einen Treffpunkt von linken intellektuellen Künst­lern, wie Franz Kain und an­deren. Ein weiterer Punkt, wo Studierende da­mals sehr aktiv ge­we­sen sind, war die Heimerziehung. Man hat über das schon seit 1965 offen geführte Heim Spatt­stra­ße versucht, Jugendresozialisierung an­ders zu kon­zi­pieren.

Stichwort Frauenbewegung: Was waren die An­fän­ge der Linzer Frauengruppen?
Die KHG war für mich damals so attraktiv, weil es gleichberechtigte Leitungen zwischen Primus und Prima gegeben hat, was damals ja nicht selbst­­verständlich war, dass Frauen in Leitungs­po­si­tio­nen sein können. Es hat an der Uni auch viele Pro­tes­te im Kleinen gegeben, die Symbol­cha­rak­ter hatten. Der Unipark war damals schon ein El­do­­ra­­do für Spaziergänger aus der Umgebung, un­ter an­derem für Mütter mit Kindern. Es gab Pro­fes­so­ren, die sich von zwischen Uni-Teich und HS-Ge­bäude 1 flanierenden Müttern mit Kindern ge­stört ge­fühlt haben. Daher hat man Drehkreuze am frü­her offenen Zugang zur Uni montiert, durch die man zumindest mit Kinderwägen nicht durch konn­­te. Das hat dazu geführt, dass immer wenn eine Straßenbahn kam, die Studenten gewartet ha­­ben, bis Mütter mit Kinderwägen da waren, die Kin­derwägen über die Drehkreuze gehoben ha­ben. Ich kann es nicht zählen, wie oft diese Dreh­kreuze im Uni-Teich versenkt worden sind. Ir­gend­­wann 69 haben wir uns den Spaß gemacht, die Drehkreuze rosa zu lackieren und mit Schleif­chen zu versehen. Das war eine Frauenaktion. Dann sind die Drehkreuze auch wieder verschwunden. Die­se Kleinigkeiten haben bedeutet, dass wir der Mei­­­nung gewesen sind, dass die Uni­versität ge­öff­net werden soll.

Wie war die mediale Berichterstattung?
Die Berichterstattung war damals eher überkritisch. Allein die Studienrichtung Soziologie wur­de gleichgesetzt mit den drei Anfangs­buchstaben SOZ für Sozialismus.

RAF, Ulrike Meinhof, wie weit konnte/wollte man deren Botschaften in OÖ überhaupt lesen?
Die Ablehnung war ziemlich eindeutig. Diese Stim­­mung war einhellig und ich denke auch seitens der linken Szene damals in OÖ.

Aus der jetzigen Sicht, was ist übrig geblieben? Wie würden Proteste heute aussehen, gibt es diese überhaupt noch?
Es gibt keine Proteste. Ich sage es meinen Stu­die­renden, dass ich diesen Protest vermisse. Es passieren Dinge, wo ich sage, ich glaube nicht, dass wir als Studierende das damals akzeptiert hätten. Wir haben bei geringeren Problemen gezeigt, dass wir da sind, und das ganz lautstark.
Vielleicht liegt das am Leistungsdruck in den Schu­len. Ich glaube nicht, dass es heute den Schu­len ge­lingt, so was wie eine Autonomisierung bei den Schülern zu wecken. Sie kommen schon so brav zu uns und werden nicht ermuntert, eigene Mei­nun­gen zu äußern.

Freie Liebe, antiautoritäre Erziehung, etc, was ist davon übrig geblieben, geht es nicht schon seit län­geren wieder in eine konservative Richtung?
Es ist ein Backlash da. Die Befreiung der Frau, die Pille, alles ist da und hat uns das Leben si­cher leichter gemacht. Was nicht da war, ist z.B. Aids, das hat die freie Liebe sicher ganz schnell eingebremst.
Was geblieben ist, kann man sehr schlecht evaluieren, auf Linz bezogen. Das, was man als den Marsch durch die Insti­tu­ti­o­nen bezeichnet hat, hat bei uns wunderbar funktioniert, von da her ha­ben viele von ganz links bis ganz rechts diesen Weg weiter getragen, dass man nicht mehr ab­gren­zen kann, was war links, was war 68, was wa­ren andere Protestbe­wegun­gen, wie die Frau­en­be­we­gung und ähnliches. Dass bestimmte verkrustete Strukturen aufgebrochen wurden, das kann man relativ leicht sehen. In der katholischen Kirche gibt es einen klaren Back­lash, es gibt ihn auch an den Universitäten.

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