„klaus kinski ißt helmut berger“

Für sein alter Ego George Gold (den gealterten Georgie Gold) möchte Patrik Huber mit seinen Cathedral Dead Clowns in Zukunft einen Altar des Scheiterns basteln – inzwischen scheint aber Hubers anderes Programm „klaus kinski isst helmut berger“ auch nicht frei vom Scheitern zu sein. Reinhard Winkler gibt sich ratlos und den Bericht einer Allüre.

Scheitern hat nun mal viele Gesichter, manchmal eben auch die von Helmut Berger und Klaus Kins­ki. Patrick Huber steht auf der Bühne und scheint nicht ganz bei Trost. Er nimmt sich Dinge heraus (Bäuerchen machen, Kollegen be­schimp­fen, musikalische Begleitung), führt auf (sich und Helmut Berger), sich immer entschuldigend und bal­dige Besserung wie das Blaue vom Himmel versprechend, nur um in den nächsten Minuten neuerlich aus der Rolle (Helmut Berger?) oder eben genau in sie hinein zu fallen. Dann wieder hat er Lust aufs Publikum, bittet ein Aus­nahme­talent auf die Bühne, aber keines bietet sich an. Huber/Berger ersucht, macht auf höflich, schließlich mit Dackelblick, es hilft nichts. Also wird er bestimmend (aber nur wie einer, dem nichts an­deres übrig bleibt), er zitiert einen glatzköpfigen Herrn zu sich auf die Bühne, in sein Klappbett. Der glatzköpfige Herr macht mit, legt sich flach, hört aufmerksam zu. Komische Aufmerksamkeit oder die Angstlust, im nächsten Moment vorgeführt zu werden, macht sich breit. Doch so weit kommt es nicht. Stattdessen beginnt Huber/Ber­ger zu singen, Huber/Berger singt allerdings nicht vor, vielmehr singt er vor sich hin, er versingt sich, zieht eine Geschichte an den Haaren herbei und weiß dabei auch und oft nicht recht weiter. Das Nicht-Weiter-Wissen wird zur treibenden Kraft, so bleibt die Geschichte in Gang, nimmt letztlich ihren unweigerlichen Lauf, minutenlang, Unfug wird zu Fug (Ein Abfinden. Oder auch: das Arrangement des Zuschauers mit dem Aberwitz), bricht letztlich abrupt ab (wir nehmen an: un­mit­telbar vor der sozialkritischen Bot­schaft?). Dann wird gegessen. Ein 5 oder 7 Gän­ge Menü, weiß nicht mehr genau. Auch was gegessen wur­de, ist mir entfallen, die Speisekarte war zu bunt. Sup­pen und Sau­cen machen die Runde. Ausge­wähl­te Gäs­te werden neuerlich auf die Bühne zitiert, müs­sen es­sen, was auf den Tisch kommt. Auch Bier wird ge­trun­ken. Zwei hübsche Kell­ner­innen arbeiten unermüdlich, räumen auf, servieren, räu­­men ab und passen zwi­schen­durch gut auf Hu­ber/Berger auf, sind streng. Huber/Ber­ger erntet böse Kellner­innen­blicke, bei Unartigkeiten gibt’s prompt eins mit der Flie­gen­klatsche hinter die Löffel.
Warum macht Huber all das? Ja – warum denn nicht, bittgarschön! Schön – eben! – die ornamen­tal bepinselten Porzellanpuppen, und erst die Büh­­nenwand. Gold, das Groteske, Rot, der Ge­nuss. Das Überbordende, das Zuviel, die Schmerz­gren­ze. Patrick Huber zieht einen breiten Strei­fen, der Wirklichkeit ausblendet wie eine Bild­stö­rung am Fernsehschirm. In diesem Flimmern be­wegt sich Huber und tut genau das nicht, denn eigentlich rührt sich nichts in diesem Stück, zu­mindest nichts von der Stelle. Alle warten wir nur auf den angekündigten illustren Gast: Klaus Kinski.
Klaus Kinski kommt dann auch wirklich, er tritt auf wie eine herbe Enttäuschung, verschleiert, aber immerhin spricht er. Mit einem Kasset­ten­recorder im Bauch. Helmut Berger will sich unterhalten, Kinski mag aber nicht. Vögelt stattdessen lieber eine der ornamentalen Porzellanpuppen. Das Ausschweifende, das Bisexuelle, der Mut­ter­komplex, das Narzisstische, all das wird von Hu­ber/Berger durch- und angespielt, allerdings gezügelt bis zur Verlegenheit. Das Exzessive ist halt doch eine merkwürdige Idee.

10
Zurück zur Ausgabe: 
12/06
FotoautorInnen: 
Reinhard Winkler

Kinski isst Berger – laut Eigendefinition „die absurdeste Primetime-Show seit Gott“.

& Drupal

spotsZ - Kunst.Kultur.Szene.Linz 2006-2014