Kids and the City: Provincial Living under 30

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Das Weikerlsee-Openair war im Sommer Startpunkt von „Claim your space“ – das Jugendprojekt startete damit bereits im Vorfeld des im nächsten Jahr stattfindenden Festivals der Regionen seine Aktivitäten. Huckey Renner befragt Projektleiter Michael Url zur Jugendkultur in den südlichen Gefilden von Linz und stellt vor, was hier partizipative Ansätze sind und sein sollen. Teil 1 der spotsZ-Serie „Vor Ort im Vorort“.

Zuerst einmal war das Weikerlsee-Open Air eine Projektionsfläche für Ge­füh­le und Erfahrungen. Gemacht für Jugendliche. Ein Ort der Heiterkeit, Mensch­­lichkeit oder Authentizität, wo für manch andere die Dinge mit ne­ga­tiv be­la­denen Begrif­fen wie Isolation, Melancholie oder Langeweile ver­bun­den sind. Soziokulturelle Phänomene wie solche, die man im Süden von Linz vor­findet, wurden und werden von der Kulturtheorie und Stadt­for­schung bis­her nur marginal behandelt. Geht es näm­lich andere Formen der Urba­nität, die nicht etwa in Metropolen, World Cities oder Zwischen­riesen­städ­ten an­ge­siedelt sind, sondern ganz ge­gen­teilig an den Rändern der „Pro­vinz“, vermisst man schämlichst Förderungen zum Verständnis oder zu einer praktischen Herangehensweise seitens Politik und Artverwandtem. Aber auch an­de­­re gesellschaftliche Beiträge zum Positiven blei­ben aus. Wenn sich das In­di­viduum, und das ist schwerst anzunehmen und zu hoffen, eine sich ste­tig verändernde Beziehung zum urbanen Le­ben und Umfeld wünscht und auch leisten will, muss von den Verantwortlichen der Struktur­pla­nung der Rand­be­zirk als Zugang Nummer 1 zum Weg in Richtung Zentrum erkannt werden. Auf­rol­lung von Außen nach Innen ist angesagt. In diesem Sinne galt und gilt: Eroberung der „Pro­vinz“ – auf dass diese die Stadt vereinnahmen kann. Müßig zu sagen, dass die krasseste Folge­er­scheinung brennende Autos und Aufruhr in den besagten Stadtgebieten sein können. Haha! In Pich­ling? Im Turbo-Bobo-Satellit solarCity etwa? Da lacht der schlaue Entertainer und Ju­gend­be­schäf­tiger! Es wurde an alles Wichtige gedacht, das heißt übersetzt in Normalsprech: Wir haben be­schlos­sen, dass es keine Jugendein­rich­tun­gen oder/und Räu­me im südlichsten Teil von Linz braucht. Punkt.
Streetworker aus der Streetworkeinrichtung Ebels­berg/Pichling „STEP“ ha­ben im Rahmen des Fes­ti­vals der Regionen mit Unterstützung eines Ko­or­­di­nators eines von zwei Projekten im Linzer Sü­den (das zweite ist eines von der Stadtwerkstatt im Stadtteil Auwiesen) auf die Beine gestellt, das den Jugendlichen vor Ort im Vorort ermöglicht, ihre Individualität, ihre Inte­res­sen und ihre Kre­a­tivität in ihren (Lebens)Raum zu stellen. Und eben ihren Raum im Sinne des Projekttitels abzustecken. Die Tür in diesen „Raum“ ist nun bereits lautstark geöffnet worden: Von August 2008 bis Mai 2009 werden im Monatsrhythmus jugendrelevante und kulturbezogene Aktionen in Form von Konzerten und Workshops in unterschiedlichen, spe­ziellen und ex­tra dafür adaptierten Räumen der solarCity stattfinden. Von Comic­zeich­nen, Graf­fitimalen, Djing, Beatboxing, Soundmixing, Break­dance, dem Erler­nen von Computerprogrammen, ... über Themenkino, einem Fotoprojekt bis hin zu Gesprächsrunden und Sendungsgestaltung beim Ra­dio FRO reicht das Spektrum des Projekt­ange­bots. Dieses Angebot wurde im Vorfeld ge­mein­sam mit der Einrichtung STEP und den Jugend­li­chen erarbeitet. Die Tür wird zeichensetzend wieder geschlossen durch ein im Mai 2009 stattfin­dendes Festival bei dem es erstens ein Konzert und zweitens die Präsen­ta­tion der Work­shop­er­geb­­nisse geben wird. Vor allem aber wird damit drittens: Der Forderung gegenüber der Stadt Linz, end­lich die benötigten Räu­me zu schaffen, Nach­druck verliehen.  
Den Startschuss gab eben das oben genannte „Claim your space“-Open Air am 29. August am Badestrand Weikerlsee. Bei freiem Eintritt traten vier lo­ka­le Nachwuchsbands verschiedener Stil­rich­tungen, im Kollektiv brüllend, die Tore auf. Schon beim Opener, dem Hip Hop Act Pablo&Este­­ban stand Ver­bindendes im Raum: Beats, die Wel­len schlugen und Texte tiefer als der See. Eltern lauschen, Kinder tanzen, Hip Hopper wunderten sich und schauten. Mit einem sehr in persönli­chen Gewässern schwimmenden, melodiösen Grunge­rock ruderten Shizophrenia Richtung Ufer. Für Bienenstiche, Arsch­bomben, Galeerentrom­meln und nicht zu umschiffenden Riffs standen die Fire­fuckers (nein, liebe ÖSTERREICH-Redaktion: Nicht die legendäre Band von Helge Schneider, sondern die Jungs aus dem Kuba-Kellerproberaum im Süd­westen von Linz, im Wankmüllerhofviertel), ein Hai-Light des Abends. Die Mirracle, ein mit vier Mann und einer Kapitänin besetztes Pop-Rock-Love­­boat lief als Abschluss auf sehr sympathische Weise in den städtischen Hafen ein. Er­kennt­nis: Was man nicht hat, das braucht man, was man braucht, fordert man und was man fordert, muss passieren: Schafft Räume!!!

„Vor Ort im Vorort“: Das FdR 2009 im Vorfeld
Das Festival der Regionen widmet sich 2009 mit dem The­ma „Normalzustand“ den tatsächlichen oder eingebildeten Normalzuständen städtischen Lebens. Es bleibt auch im Sü­­­­den von Linz, im städtischen Umfeld Auwiesen und So­lar City, bei seiner Ausrichtung von aktueller ortsspezifischer Kunst und Kultur. Nach der verstärkt installativen Aus­­­richtung der letzten Ausgaben setzt das Festival 2009 in den Wohnanlagen von Auwiesen und der solarCity schwer­­­­punktmäßig auf Partizipation, Performance und Prä­senz der Akteure vor Ort. Im Mittelpunkt steht dabei auch eine Ver­la­gerung eines Teils der Linzer Kunst- und Kul­tur­szene in den äußersten Linzer Süden und deren intensive Ver­schrän­kung sowohl mit lokalen wie auch internationalen Part­nern.
spotsZ widmet sich in der Serie „Vor Ort im Vorort“ bis Mai 2009 den Themen des Festivals der Regionen und möch­te an­­hand von stattfindenden Projekten, bzw. den lau­­fenden Vor­be­rei­tungen besonders die Begriffe Partizi­pa­ti­on und Performance im Kontext des (sub)urbanen und künst­lerischen Normalzustandes beleuchten, als Serie eine klei­ne Phäno­meno­lo­gie der Sichtbarmachung, des Zusam­men­­le­bens und Teilnahme zeichnen. Temporäre Au­ßen­stellen, ex­­perimentelle Stadterfahrung, dörfliche Urbanität, Um­deu­­tung und Umnut­zung des öffentlichen Raums, Kunst, All­tag und Zusammenleben: In Teil 1 soll es um Ju­gend­kultur ge­hen. Startschuss für das erste Festi­val­pro­jekt im Vor­feld war „Claim your space“, das bereits im August, acht Monate vor eigentlichem Festivalbeginn startete. Bis Mai 2009 koordiniert Projektleiter Michael Url im Mo­nats­rythmus Aktivitäten aus den Bereichen Mu­sik, Me­di­en und Gestaltung, um „Optionen einer Freizeit­ge­staltung jenseits von eigenen vier Wänden und Kon­sum­zwang“ zu eröffnen. Die persönlichen Raum­be­dürf­nis­se der Jugend­li­chen sollen aufgegriffen, die Jugendlichen in ihren For­de­run­gen ge­­­stärkt und unterstützt werden: Schließlich versteht man sei­­tens des FdR partizipative An­sätze an der Nah­tstelle von Kunst, Kultur, Alltag und Örtlichkeit auch als Jugend­kultur die „neu gedacht, ausgelebt und präsentiert“ werden soll.
Mehr Informationen zum FdR: www.fdr.at

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10/08
FotoautorInnen: 
Doris Prlic/Festival der Regionen

„Mirracle“ am Weikerlsee Open Air

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