Ein bisschen spiessig ist Gott schon

Gott, das ist „das hohe C der Romantik“, schreibt Brecht, Gott ist „ein böses, nabelloses Kind“, schreibt Robert Schneider, „God is a concept by which we measure our pain“, singt John Lennon. „Gott ist auch nur ein Mensch.“, meinen Harald Ehrengruber und Wilfried Weilandt. Wer zur Zeit gar keine oder eine nur undeutliche Gottesvorstellung hat (und darunter leidet), für den gibt es am 8. Februar im Liberty die Möglichkeit, sich mit Thomas Pohl zu trösten, der in dem neuesten Stück von Harald Ehrengruber und Wilfried Weilandt behauptet: „Ich bin Gott“. Ein Gespräch mit Harald Ehrengruber, Wilfried Weilandt und Thomas Pohl.

In einem afrikanischen Befreiungskrieg hielt der Guerillaführer vor der Ent­scheidungsschlacht eine Rede. Die Lage sei sehr kompliziert, aber man kön­ne nicht mehr zurück, und deshalb bitte er ausnahmsweise Gott um Hilfe. Und dann sagte er: „But this time don’t send your son, come yourself.“  Heiner Müller/Zur Lage der Nation

„Ich bin Gott“. Das ist ja eine klare Aussage.
Wilfried: Na, ich geh mal davon aus, dass dieses Stück keinen unberührt lässt. Schockierend, brüskierend, faszinierend, was auch immer – aber wurst kann es einem doch nicht sein, wenn der liebe Gott zu einem spricht.

Wie kam’s zur Idee, Gott auf die Bühne zu stellen?
W: Ich bin einmal bei einer Fronleichnamsprozession mitgegangen, 2003 war das, mit der Kindergartengruppe meiner Tochter. Der Tross pilgerte in der Schmiedegasse beim Lentia vorbei. Dort wohnt Gerhard Haderer, den ich sehr schätze. Er stand mit nacktem Oberkörper im offenen Fenster und blickte auf uns herab. Nach dem Heimkommen hab ich mich an den Schreib­tisch gesetzt und das Stück geschrieben, hab mich im Lauf der Ar­beit heillos verzettelt, schließlich das halbfertige Manuskript Harald übergeben und der hat es dann zu einem fulminanten Ende gebracht. Das Stück ist das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit, und das freut mich besonders. Ich halte es schon deshalb für gelungen, weil ich glaube, dass man nicht erkennt, welche Teile des Textes von Harald und welche von mir sind. Durch die Arbeit mit Thomas auf der Bühne hat sich der Text natürlich noch­mal verändert. Man kann jetzt schon sagen, dass der Text eine runde Sache dreier Köpfe ist.

Bei unserem ersten Fototermin ist mir aufgefallen, dass Gott einsam ist. Stimmt der Eindruck?
Tom: Ja. Und er leidet darunter, dass die Menschheit alles falsch macht.
W: Und dass das alles nicht so geplant war.
Harald: Und dass ihm alles entglitten ist.
W: Neben der Verzweiflung erlebt er aber natürlich auch die unablässige Freu­de an dieser Lebenswelt, die er geschaffen hat.

Ihr übt mit Eurem Stück keine Gotteskritik, sondern seid vielmehr einverstanden mit dem Bild, das Ihr von Gott gemacht habt?
W: Nein, das ist im Stück nicht belegt. Wir wissen ja selbst nicht mal, ob die­se Figur, die da auf der Bühne steht, tatsächlich Gott ist, oder nur ein Psychopath, der behauptet, Gott zu sein. Aber grundsätzlich kann man schon sagen, dass wir ein Gottesbild in Form einer All-Liebe geschaffen ha­ben. Das zählt. Mit der Kirche und damit, was die Menschen mit ihm durch Re­li­gion gemacht haben, kann unsere Gottesfigur aber nichts anfangen.

Aber Ihr geht schon davon aus, dass die Menschheit die Idee Gottes ist und nicht umgekehrt?
T: Ja, durchaus. Gott hat das Paradies erschaffen und wenn Eva nicht diesen blöden Apfel gewollt hätte...
H: … dann hätte die Menschheit diesen Zustand über Jahrmillionen haben können. Aber so sind sie natürlich rausgeflogen.
W: Und Jesus andererseits hat die Chance verpasst, nach der Auferstehung weiter in der Welt zu bleiben. So hatte sich das sein Vater nämlich vorgestellt. Hätte sich Jesus nach seinem Tod nicht gleich wieder nach Hause verzupft, wäre er stattdessen leibhaftig auferstanden und in der Welt geblieben, dann hätte sich die Menschheit dieses ganze Brimborium mit Kirchen und sonstigen abartigen Andenken wie Kreuz etc. erspart. Und einer, der vor 2000 Jahren auferstanden und noch immer auf Tour ist, wäre als Sym­bol natürlich glaubhafter und beeindruckender gewesen als alles andere.
T: Gottvater ist jetzt sauer auf den Buben, weil der nur mehr zuhause rumhockt, Computer spielt und über die Menschen lamentiert: „Na, da zu de­nen geh ich nicht mehr runter. Erst rufen sie uns an und dann kreuzigen sie mich ja doch wieder.“

Welche Rolle spielt das Mädchen, Mona Gaishofer?
H: Mona spielt die Seele Gottes.

Gott hat eine Seele?
H: Sicher. Wenn Gott ein Mensch ist – und allein die Tatsache, dass er gern isst, trinkt und raucht deutet darauf hin – hat er freilich auch eine Seele. Im ursprünglichen paradiesischen Zustand ist Gott mit seiner Seele eins. Im Stück trennt sich die göttliche Seele gleich zu Anfang von ihrem Körper, und dann fängt die Scheiße an: Gott beginnt, mit sich zu hadern. Unser Got­tes­bild ist nicht kitschig. Eher ein bisschen spießig, das Bild eines frustrier­ten Kleinbürgers in der GWG-Wohnung, die auch moderne Kom­man­dobrü­cke ist: Er kann das Treiben auf der Welt laufend per TV-Anlage beobachten.

Ist das Stück annehmbar für Christen? Oder erwartet Ihr Proteste?
T: Annehmbar ist es auf jeden Fall, denn immerhin bin ich ja auch als Ka­ba­rettist bekannt. Und Humor ist immer eine nette Entschuldigung.
H: Obwohl das Stück natürlich nicht nur lustig ist.
W: Gegen Ende hin gipfelt dann alles in göttlicher Verzweiflung. Gott ist mit uns schlichtweg überfordert. Es geht ihm letztlich wie jedem durchschnittlichen Familienvater, dessen Kinder sich nicht nach den Idealvorstellungen entwickeln, es wird ihm zu viel und er resigniert.
T: Es ist die Hölle.

Wie hält es Gott mit dem Leben nach dem Tod?
W: Das ist technisch leider nicht machbar. So viel Platz ist nicht im Himmel.

Als Lehrer ist man doch auch eine gottähnliche Figur. Parallelen zu „Klamms Krieg“, jenes Stück, das Du schon lange erfolgreich spielst, liegen doch nahe?
T: Ja, schrecklich. Der Klamm verzweifelt ja auch. Sowohl beim Leh­rer Klamm als auch bei Gott funktioniert nichts so, wie sich das die beiden vorstellen.

Kulturinitiave compakt
Was will die neue Kulturinitiative compakt?
W: In Urfahr soll wieder mehr passieren. Geht ja nicht, dass das kulturelle Leben in Linz bei der Stadtwerkstatt und dem Ars Electronica Center endet. Und wir wollen keine Ein­tags­flie­ge sein, aber auch keine Ganzjahresgeschichte. Es sind Aktivitäten von Oktober bis April ge­plant, Ausstellungen, Lesungen, Konzerte, Tanz und jetzt eben das The­a­terstück mit Tom Pohl.
H: Wichtig ist eben auch die Räumlichkeit: Das Antiquariat Liberty in der Frei­städ­ter­str. 45 stellt uns zwei wirklich schöne Räume zur Verfügung. Es gibt ja nicht wirklich viele schöne Örtlichkeiten in Linz, wo Kunst passiert.

Wie habt Ihr Euch, Wilfried, Harald und Tom gefunden?
W: Ich hatte ja nie eine Schauspielausbildung. Hatte aber das Glück, dass es Anfang der 90er ein paar Leute wie Joachim Rathke in Wilhering und Tom Pohl gab, die ein bissl was von mir halten. Und da war ich schon immer recht stolz, dass ich bei professionellen Auf­führungen kleine Rollen spielen durfte. Aber ich hab das nie hauptberuflich be­trieben. Und auch comp.akt ist als Brücke zwischen amateur- und professioneller Sze­ne gedacht.

„Ich bin Gott“ von Wilfried Weilandt & Harald Ehrengruber: Gott: Thomas Pohl, Pantomime: Mona Gaishofer, Regie: Harald Ehrengruber, Regieassistenz: Wilfried Weilandt, Bildtechnik: Prof. Jürgen Binder. Uraufführung: 08.02.2007

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02/07
FotoautorInnen: 
Reinhard Winkler

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