Produzieren statt konsumieren

Von 6. bis 8. März erwartet uns mit dem NEXTCOMIC-Festival, das in Österreich seinesgleichen sucht, ein geballtes internationales Programm von in Linz noch nie gesichteten Comic-Schätzen. BesucherInnen werden eingeladen mitzumachen, darum auch der Leitsatz des Festivals: Produzieren statt Konsumieren. NEXTCOMIC-Festivalleiter Gottfried Gusenbauer im Interview.

Kannst du uns etwas über deine Sozialisation bezüglich Comics erzählen?
Ich bin mit Comics aufgewachsen, mein Bruder war Tätowierer, dadurch bin ich früh mit Zeichen, Zeichnung und Comic-Bildwelten konfrontiert worden. Zuerst Disney, dann vor allem MAD, U-Comix, das halt in Österreich zu kriegen war. Später hab ich aufgehört mich dafür zu interessieren und erst 1995 wieder angefangen, Comics selber zu zeichnen und zu lesen, als meine Frau in Rom mit einer Fischvergiftung im Hotel bleiben musste. Jetzt arbeite ich in einem Medienstudio, und es ist – im Vergleich zur Computerarbeit – eine extreme Befreiung, mit Bleistift und Papier an Comics zu arbeiten. In Japan (Seika Universität) habe ich gesehen, dass den Leuten im Kranken­haus bei einer Knieoperation anhand von Comic-Zeichnungen gezeigt wird, was genau passiert. Darin sehe ich die Zukunft der Comics. Sie helfen, die Welt besser zu verstehen.

Wie bist du dazu gekommen das NEXTCOMIC-Festival zu machen?
Ich habe mich in Linz und Österreich umgeschaut, welche Comic-Leute es gibt. In Wien bin ich oft auf den Comic-Stammtisch im Rüdigerhof gegangen, und habe dort die Leute und die Szene kennen gelernt. Dann waren da Workshops im Medienkulturhaus Wels mit Mahler, Rattelschneck, ... wo ich selber mitgezeichnet habe. Und dann das Comic-Festival von Kultur­haupt­stadt 2003 in Graz. Da Linz als Kulturhauptstadt schon Thema war, hab ich mir gedacht: Das müsste auch in Linz passieren. Graz hat eine gute Künst­ler­szene, die auch Gäste bei NEXTCOMIC sind: Tonto, Anna Maria Jung, Pre­quel. In Österreich ist die Comic-Künstlerszene überschaubar, man kennt sich. Wir haben den Vorteil gehabt, dass Intendant Heller Comic-Festivals aus der Schweiz kannte, er war überrascht, dass es hier in Österreich kein Internationales Festival gibt, wie zum Beispiel das Fumetto.

Erzähl uns bitte mehr von Fumetto ...
In der Schweiz gibt es 3 Festivals, Fumetto ist das größte – mit ca. 55.000 Besuchern an 12 Tagen. Alle Altersklassen, das ist ein Event. Es ist ein in­ten­sives Erlebnis, man geht durch die Stadt und kann sich mit den Bil­der­welten auseinandersetzen. Fumetto präsentiert sich in Linz mit einer Aus­wahl von Schweizer Zeichnern. Es gibt auch eine Gegeneinladung, wo eine Auswahl von NEXTCOMIC Ende März in Luzern gezeigt wird. In Erlangen gibt es eine Comic-Messe, wo Verkaufspartner und Verlage ausstellen. In Linz wollte ich nicht Fumetto oder Erlangen auf klein machen. NEXTCOMIC soll gewisse Positionen vertreten und sich von anderen Festivals abheben. Es ist jetzt eine große Chance, dass auch Leute, die nicht viel mit Comics am Hut haben, nach Linz kommen.

Wie unterscheidet sich dieses Festival von anderen?
Mir ist es wichtig, österreichische Comic-ZeichnerInnen zu zeigen und gleich­zeitig Projekte, von denen viele keine Publikation finden. Die Auswahl­ver­fah­ren haben Verlage, was jedoch die Szene nicht wieder gibt. Das Pro­gramm ist gemischt und vielfältig. Es wird viele Projekte geben, die zum Mit­machen animieren: 24h-Zeichnen, die Lecture- und Workshop-Schiene, Dialog Europa–Asien durch Comics, UNKRAUT-Kitchendrawing vor Ort mit Pancevo-Gruppe, Mangas made in Austria, ... Zeichnen ist der Leitsatz, da­her gibt es auch Workshops beim Festival.
Jeder Mensch hat andere Zugänge zu Comics, die nicht zerstört werden sollen. Ich will mit dem Festival zeigen, was zeitgenössische Comics können. Ich möchte, dass sich Leute auf Comics einlassen. Über die Lectures sollen die Besucher Erklärungen bekommen. Comic ist für mich ein sinnliches Er­leb­nis, das nicht nur erklärt gehört, die Leute sollen sich auch darauf einlassen.

Zum Festival läuft ja auch ein Comicwettbewerb ...
Die Einreichungen zum Internationalen Comicwettbewerb sind schon er­folgt, es gab über 500 Einreichungen, bei der Eröffnung werden die Sieger prä­sentiert. Im deutschsprachigen Raum gibt es ca. 400 Literaturpreise pro Jahr, Comicpreise gibt es nur eine Handvoll. Der Preis ist mit insgesamt EUR 10.000,– sehr hoch dotiert. Gut ist, dass dies ein Geldpreis ist, und dass es einen eigenen Preis für Studenten und Schüler gibt.

Neben der Festivalleitung von NEXTCOMIC, betreibst du auch den Kunst­ver­ein Lin_c mit.
Bei Lin_c bin ich für Idee und Konzept zuständig. Lin_c versteht sich als Plattform für Präsentation und Vermittlung von Comic und Bildliteratur. Mit dem Geld aus Risikokapital haben wir 2005 die erste Ausgabe gemacht. Vieles ist damals in Coop mit dem slowenischen Comicmagazin Stripburger entstanden, die ja auch beim Festival eingeladen sind. Wir haben auch Work­shops an Schulen gemacht, oder den Mahlzeit Comicwettbewerb 2009.

Was würdest du sagen, zeichnet den „Standort“ Linz aus?
Linz hat ja einen Schwerpunkt auf Neue Medien und Film durch die Ars Electronica oder Crossing Europe. Ich möchte auch die Affinität von Comic zu Film zeigen: Durch Storyboards, elektronische Medien, Spiele. Man kann nicht von Filmförderung reden, wenn es keine Comicförderung gibt. In Linz gibt es großes künstlerisches Potenzial und Offenheit gegenüber der Kunst. Und die Haltung von STWST/KAPU als „Underground“: Medienkunst und „nicht wertvolle Kunstrichtungen“ finden dort leichter Platz. Es ist eine Be­reicherung, dass das Festival auch im AEC und der Kunstuni stattfindet. In Linz, wie auch anderswo, haben viele Künstler noch gar nicht daran ge­dacht, Comics zu machen. Ich glaube, Linzer können damit unvoreingenom­mener, interdisziplinärer umgehen.

Warum glaubst du, dass es in Österreich keine Tra­dition im Comicbereich gibt?
Bis auf den Tobias Seicherl gibt es keine große österreichische Tradition – das kann man auch als Chance sehen. Nach 1955 hat man sich in Österreich vor der Veramerikanisierung gefürchtet und alle möglichen Einflüsse als Schund be­zeichnet. Rock’n’Roll hat man nicht verhindern kön­nen, jedoch Bildliteratur gut verstecken können. Vor Comics wurde gewarnt, dass Comics bö­se und schlecht sind. Stichwort Schund: Darum konn­te sich nie eine eigenständige Comickultur entwickeln, auch jetzt hat man noch mit dem Image zu kämpfen. Aber es wird besser.

Hast du vor, das Festival nächstes Jahr wieder zu machen?
Natürlich würde ich gerne am Festival weiter ar­beiten. Das kann aber nicht nur in Linz sein. Linz ist zwar die ideale Stadt, und ich habe nun ein tolles Team, aber die Idee, internationale Comic­projekte zu entwickeln ist ebenso reizvoll. Co­mics haben sich zu einer internationalen Sprache entwickelt, und die Zukunft liegt im Dialog der Disziplinen.

www.nextcomic.org

Vom 06. bis 08. März im U-Hof, AEC, an der Kunst­uni­ver­sität und im Moviemento
NEXTCOMIC-Festival

Einige Höhepunkte des Programms:
•    Nicolas Mahler zeigt Originale von Siebdrucken seines neuesten Werkes SPAM (Reprodukt)
•    Gerhard Haderer (MOFF) präsentiert am 06.03. (16.00 h) exklusiv das MOFF-Video. Der international tätige Linzer Zeichner unterstützt das Festival, ist aber nicht mit Linz09 verknüpft. Die MOFF-Comics sind re­gional und politisch anlegt und können auf einem ei­genen Stand besichtigt werden.
•    Manga made in Austria: Ausstellung, Workshop, Cos­play-Wettbewerb und -Fotografie
•    24 Std. Comic Zeichnen (!)
•    ASEF Lingua Comica 3: Ein Projekt, das Gusenbauer in Kyoto, Japan, begleiten durfte – erstmals in Europa. Europäische Künstler haben mit japanischen ein halbes Jahr online kommuniziert, Zeichnungen ausgetauscht, zusammen einen Stil entwickelt und in Kyoto vor Ort konkretisiert. Die Ergebnisse werden im AEC gezeigt.
•    Auseinandersetzung mit der Comicgeschichte: Sammlerbörse, Duckburg.de, Vorstellung von Sprech­blase, ...
•    unzählige Lectures, Expertengespräche
•    Kriminaljournal: Österreichs auflagenstärkstes Co­mic­magazin präsentiert sich
•    Electrocomics: Uli Lust, lebt seit 20 Jahren in Berlin und ist bekannt für ihre Stadtreportagen. Sie betreibt ein neues Vertriebssystem via Internet: Statt sich ein Buch zu kaufen, kann man es downloaden und freiwillig zahlen. Sie zeigt eine eigene Ausstellung, die nur in Linz präsentiert wird.
•    El comic a les Balears: Ausstellung. Dazu Gusen­bauer: „Ich war auf Mallorca und habe dort eine Aus­stel­lung über Comics der Balearen gesehen. Diese Aus­stellung hat einen großen Eindruck auf mich gemacht, vor allem ein Comic über die Jugend, gegen alle gängigen Klischees. Ich bin mit dem Künstler in Kontakt ge­treten (Guilem March) und habe ihn eingeladen, nach Linz zu kommen. Inzwischen arbeitet er bei D.C. Co­mics und zeichnet ‚Batman‘.“
•    Lecture von Pau Waelder  – Kurator für elektronische Medien und Journalist – über Alan Moore (Autor von „Watchman“, der parallel zum Festival in den Ki­nos anläuft)
•    UNKRAUT-Comics aus Linz präsentiert Magazine & Projekte. Sowie im U-Hof ein Kitchen Drawing, wozu alle BesucherInnen des Festivals eingeladen sind, un­abhängig vom Können in gemütlicher Küchenatmos­phä­re einfach drauflos zu zeichnen. Als Special Guests während des Kitchen Drawings finden sich Vladimir Palibrk (präsentiert Comic-Jam-Heft), Maja Veselino­vic und Aleksandar Zograf (vor allem in den USA & Frank­reich publizierender Zeichner-„Superstar“, der auch sei­ne Werke präsentiert) aus Serbien zur Session ein.

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03/09
FotoautorInnen: 
NEXTCOMIC/UNKRAUT

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