Innenblick von und nach Außen

Seit genau zehn Jahren richtet das Außenblick-Projekt „European Eyes on Japan/Japan Today“ europäische Augen in unterschiedlichste Landstriche Japans: Arbeiten von Arturas Valiauga, Andrew Phelps und Hans-Christian Schink sind noch bis 13. Dezember in der Galerie der Stadt Wels zu sehen.

Seit genau zehn Jahren richtet das Außenblick-Projekt „European Eyes on Ja­pan/Japan Today“ europäische Augen in unterschiedlichste Landstriche Ja­pans. 45 europäische Fotokünstler haben seitdem ihre Blicke auf bislang 30 der 47 Provinzen individuell festgehalten. Das Projekt wird jährlich fort­ge­setzt, bis sämtliche der 47 Präfekturen gesichtet worden sind. Die Ar­bei­ten wurden und werden dann bei Ausstellungen sowohl in Europa als auch in Japan gezeigt. Die elfte Ausgabe von „European Eyes on Japan“ war eben in der Partnerkulturhauptstadt in Vilnius und ist jetzt in der Galerie der Stadt Wels zu sehen, bevor sie nach Japan „nach Hause“ zieht. Diese Aus­stellung ist nach dem MKH-Großprojekt „What you really need“ im Früh­jahr der zweite Welser Linz09-Überläufer.

In diesem Frühjahr haben die Fotografen Andrew Phelps (Österreich), Artu­ras Valiauga (Litauen) und Hans-Christian Schink (Deutschland) Niigata be­sucht und aus ihren jeweiligen Blickwinkeln erforscht. Die Provinz Niigata er­streckt sich, 300 km nördlich von Tokio, über 240 km entlang der Küste zum Japanischen Meer. In dieser Präfektur, deren Hauptstadt das namens­ge­bende Niigata ist, wohnen 2,5 Millionen Menschen. Niigatas Wirtschaft wird nach wie vor von der Landwirtschaft dominiert. Die Provinz ist die ja­pa­nische Reiskammer und ebenso bekannt für die Produktion des japanischen Reisweins „Sake“. Spannend ist dieses Projekt nicht nur seines In­nen­blicks von und nach Außen wegen, sondern es werden damit Bilder – und dies in höchster künstlerischer Potenz – aus einer fernen und so ungeheuer vielfältigen Welt präsentiert, die nicht den gängigen Klischees entsprechen wollen und können. Und dabei sogar in manchem an eine sehr nahe, ver­schneite Mühlviertler Hügellandschaft zu erinnern vermögen, als japani­sche Landschaften, wie sie der deutsche Fotograf Hans-Christian Schink ein­gefangen hat. Er hatte zuerst vor, sich der Küstenlandschaft zu widmen, war aber dann von der rauhen Natur der Berglandschaft fasziniert, die eine At­mosphäre „der Mischung aus Winter und Frühling in Verbindung mit der Ar­chitektur der Häuser“ schafft. „Japans tägliches Menü wurde meine tägliche Realität. Es bestand aus dem Abstellen der Schuhe vor der Tür und dem Ein­schla­fen der im Sitzen verschränkten Beine; aus dem eigenwilligen Essen mit Stäbchen, die zwischen meinen Fingern drücken; aus dem unruhigen Schlaf mit einer Wärmflasche in einem ungeheizten Raum. Es war das sanfte Lied des Wirten, das mich weckte, und eine kleine Tasse Grüner Tee.“, schreibt Arturas Valiauga über seine Japanerfahrung. Der unaufhörliche Sing­sang einer un­be­kannten Sprache, die beständig in seinem Kopf weiter kreiste, ani­mierte den Litauer Valiauga den Menschen von Niigata ins Gesicht zu blicken, um da­bei ihre – ansonsten für Europäer schwer interpretierbare – Aura in großer Subtilität sichtbar zu machen. Der aus Arizona stammende und jetzt in Salzburg lebende Fotograf Andrew Phelps merkt zu seinen Ja­pan-Erfahrung an: „Wenn ich an einen fremden Ort reise, bin ich von der Exo­tik ebenso fasziniert wie vom Alltäglichen bzw. von der astronomischen Kluft zwischen Alt und Neu.“ – dies hat ihn besonders an Japan interessiert. Seine Arbeits­wei­se besteht ein bisschen daraus, „aus einem Strauch einen Pu­del oder einen Schwan zu machen.“ Am Ende kommt er vielleicht bei et­was an, das entfernt einem Pudel oder einem Schwan ähnelt, ... „und es ist ganz sicher nicht Niigata.“ Phelps Bilder erblicken und entdecken viele Sei­ten: Ob ein auf eine Ladenrollwand gemalter John Lennon, ein Vater mit seiner Tochter an der Hand vor einer Steinlandschaft, oder eine Schar von Mö­wen, die sich am nachtschwangeren japanischen Himmel orientiert – alles ist Alltäg­li­ches, Spontan-Ersehenes, in dem Phelps eine kraftvolle Poesie des scheinbar Zufälligen ortet und zu entfalten weiß. Die Ausstellung wurde kuratiert von Mikiko Kikuta – und Niigata strahlt in den Bildern von Schink, Phelps und Valiauga eine amorphe Gelassenheit aus, die, zumindest bis 13. Dezem­ber, eine mehr als einmalige Fluchtmöglichkeit aus dem Vor­weih­nachts­stress anbietet.

PS, Innenblick nach Wels: Bürger­meis­ter Koits – und damit Wels – ist bei der Stichwahl gerade noch ein­mal mit einem „blauen“ Auge da­von­gekommen. Trotz deutlicher Ver­schie­­bung der Mehrheits­ver­hält­nis­se im Ge­mein­de­rat, ist in der Stadt­re­gierung vieles beim Alten geblieben. Gut so! – Aber hoffentlich bleibt damit nicht alles beim Alten. Man­cher Blick der Stadt­vä­ter und -mütter von „Außen“ ins Stadtinnere könnte wieder mehr Bewusst­sein für die Realität gewinnen lassen; und damit können wesentliche Ent­wick­lun­gen nicht mehr ignorierbar sein. Weitere Rechtsaußenerfahrungen müssten da­mit in Zukunft noch verzichtbarer werden, als sie es ohnehin sind.

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12/09
FotoautorInnen: 
Hans-Christian Schink, Andrew Phelps

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