Unerwarteter Besuch Oder: Sind wir alle bunte Abende?
Der Begriff des „bunten Abends“ bietet einiges an gestalterischem Sprengstoff, wenn man davon ausgeht, dass dieser ein besonderes Phänomen, ein Ergebnis der Nachkriegszeit ist. Als Form der Freizeitgestaltung diente er vor allem der „Rekreation der Arbeitskraft“, der Zerstreuung und wohl auch in großem Maße der Verdrängung: In den 50er Jahren entstanden die großen Fernsehshowformate (etwa mit Peter Frankenfeld oder Hans Rosenthal als Showmaster) und als Form des geselligen Zusammenseins die bunten Abende, die gemeinsam von deren TeilnehmerInnen spielerisch und kreativ gestaltetet wurden. Ist die Präsentation des Forum Stadtparks in diesem Zusammenhang reine Ironie?
Den bunten Abend kennen wir doch alle vom Österreichurlaub. Im Hotel Seeblick ist es doch wohl nach wie vor üblich, dass, sagen wir jeden Freitag, ein bunter Abend zur Unterhaltung der Hotelgäste angeboten wird. Und dieser Abend ist einer, wie du auch sagst, des geselligen Beisammenseins und des gemeinsamen Gestaltens. Dieser Aspekt schien uns für den „unerwarteten Besuch“ bei MAERZ eine wichtige Komponente zu sein in dem Bestreben, die Vielgestaltigkeit des Forum Stadtpark in Linz wiederzugeben. Wir wollten ein Bild einer Institution abgeben, einen Eindruck vermitteln mithilfe eines Veranstaltungsformats, das auch für uns sehr stark den Charakter des Experimentellen hat. Schon seltsam: Für uns ist die Abhaltung eines bunten Abends ein Experiment, wenngleich die Sache deiner Recherche nach schon recht angegraut ist.
Das Projekt basierte auf der „in the pocket“-Überlegung, d.h. „die KünstlerInnen nahmen nach Linz mit, was in ihre Tasche(n) passte und sich leicht im Bus mitnehmen ließ“. Die Arbeiten entstanden größtenteils vor Ort, bzw. zum Teil schon auf der Fahrt nach Linz. Wie sind die Erlebnisse und Ergebnisse einer solchen Vorgehensweise?
Wenn nur wenig Geld zur Verfügung steht, dann ist „in the pocket“ natürlich naheliegend. Vor allem, wenn es auch darum geht, möglichst viele Kunstschaffende bei einem „unerwarteten Besuch“ vorzustellen. Diese Limitierung auf wenig Gepäck und die hinzukommende Thematisierung der Reise durch die Möglichkeiten einer Busfahrt haben wohl die meisten Mitreisenden angenehm empfunden. Das schließe ich zunächst aus den künstlerischen Reaktionen und dann aus Gesprächen. Demnach hat es mal wieder richtig Spaß gemacht, sich ohne großes Brimborium auf den Weg zu machen und dabei auch noch ausgiebig Zeit zu haben, sich mit KollegInnen über dies und das zu unterhalten. Ohne großen Produktionsdruck. Natürlich sind die Ergebnisse dann für alle eine Überraschung. Nicht einmal unser Projektkomitee, bestehend aus 5 Personen, wusste, was genau in Linz ablaufen würde. Dem gegenüber stehen dann Entbehrungen eines solchen Projekts, z.B. dass die KünstlerInnen mit keinem Honorar rechnen durften, und da mussten sich dann alle vorher fragen: Will ich das machen? Ich gestehe, dass ich selbst kurz schluckte, als wir dann alle vor der Jugendherberge standen. Nicht nur ich hatte in diesem Moment Erinnerungen an Schulschikurse.
Wesentlicher Teil dieser Serie von experimentellen Ausstellungskonzepten (die in Graz im Jahr 2005 mit der Veranstaltungsserie „Die Szene sind wir“ begann) ist die Überlegung, auch die kuratorische Letztverantwortung in die Hände der Kunstschaffenden zu übertragen. Worauf reagiert man mit einer solchen Herangehensweise? Wäre es etwa auch interessant, die Kunstkritik in die Hände der Kunstschaffenden zu legen?
Wenn ich sage, bei vielen Kunstprojekten fällt der kuratorische Overhead auf, dann ist das milde ausgedrückt. Das Kuratorenmodell hat viele Vorteile, keine Frage, aber ein Nachteil scheint mir zu sein, dass die Kunstschaffenden und gar erst das künstlerische Werk mehr und mehr in den Hintergrund geraten. Wichtig ist die kuratorische Idee und ihre Darstellung. Bitte mich nicht falsch verstehen, ich fühle mich selbst als Ausstellungsmacher oft in der Rolle des Kurators. Aber es wird einfach schon recht oft übertrieben, was da der Kunst an Overhead aufgesetzt wird. Das hat sie gar nicht nötig. Aus diesen Überlegungen heraus liegt es gerade bei einer KünstlerInnenvereinigung, wie das Forum Stadtpark eine ist, recht nahe, die Qualitäten der Basis einer solchen Vereinigung, nämlich jene der Kunstschaffenden, wieder stärker ins Zentrum zu stellen. Und das versuchen wir mit diversen Veranstaltungen. Eigentlich seltsam, es fällt mir jetzt eben zum zweiten Mal innerhalb dieses Interviews auf, dass dann von Experimenten gesprochen wird … aber das kommt vielleicht auch daher, weil das für uns Versuchsanordnungen sind, die zum Teil Grenzen ausloten, wie etwa das erwähnte „Die Szene sind wir“, wo sich über 9 Wochen lang KünstlerInnen nach einem Kettenbrief-System gegenseitig eingeladen haben und wir null Ahnung hatten, wer da aller zum Zug kommen wird. Da gehört dann schon der feste Wille dazu, sich von etwas überraschen zu lassen. Und Überraschungen, im positiven Sinn, die das ganze rechtfertigen, hat es noch jedes Mal gegeben!
Das oben zitierte bereits vergangene Projekt des Forums „Die Szene sind wir“ erinnert mich über eine Ecke gedacht, an den Satz von Deleuze „Wir sind alle Gruppen“, der auf Gesellschaft und Individuum als Vielheiten verweist, die sich wechselseitig und ineinander komplex verschränkt konstituieren. Bei fortgeschrittener Fragmentierung von Lebenswelten und auch der freien Szene selbst könnte vermehrt die Kunstschnittstelle von u.U. sehr diversen Szenen der bunte Abend sein. Sind wir dann alle bunte Abende – oder eben doch nicht?
Den bunten Abend im Kunstkontext verstehe ich als bewusste Aneignung. Und davon erwarte ich mir etwas anderes, als wenn z.B. der Begriff „Vernissage“ angeführt wird. Vernissage versus bunter Abend. Da liegen Welten dazwischen. … Aber nicht für alle Veranstaltungsformate im Kunstfeld wird der Terminus passend sein! Manchmal passt eben Vernissage besser, oder Lesung, oder Performance usf. Es kommt darauf an, welche Erwartungshaltung ich beim Publikum wecken möchte. Performance klingt ja mittlerweile schon so was von altbacken … da kommt mir der bunte Abend gerade sehr fortschrittlich vor. Aber vielleicht ist das ja in Linz ganz anders? Aber im Sinne dessen, sich von eingefahrenen Kunsthierarchien und Kunstweltverrenkungen zu lösen, würde ich den Zustand „Wir sind alle bunte Abende“ auf den ersten Blick ganz gut finden. Momentan muss es eher noch heißen: „Wir sollten vielmehr bunter Abend sein“.
Anton Lederer, geboren 1970 in Graz, gründete 1999 gemeinsam mit Margarethe Makovec <rotor> (rotor.mur.at) und ist seit 2003 Vorsitzender des Forum Stadtpark in Graz www.forumstadtpark.at
„In the pocket“ führte u.a. zu folgenden Arbeiten: Auf einer Autobahnraststätte zwischen Graz und Linz zusammengetragener Müll wurde von Joachim Hainzl zu einer Stadtinstallation von Graz aufgebaut und mit dem Schild: „Orte der Macht, Orte der Ausgrenzung, Aussonderung, Austilgung“ versehen. Gegen Mitternacht folgte dazu ein sehr lebendiger Vortrag, ein historischer Abriss zur Sozial- und Stadtentwicklung von Graz. Zur Orientierung: die blaue Kühlbox rechts auf dem Bild stellt den Schlossberg dar.
Außerdem waren zu sehen: Retuschierte Fotos von Martin Krusche, der Ecken und Rundungen alter amerikanischer Autos auf ihre Quintessenz reduzierte. Zeichnungen von Martin Hofbauer, die aussehen wie Comics, nur viel leiser und gar nicht schrill. Eine Bauanleitung in Textbildern von Miriam Mone und Max Gansberger, nach der man sich selbst als zu Fleisch gewordener Sprengsatz in die Luft jagen kann. Zwischen alledem wurde von Silvia Jölli und Conka Jasenko im Lauf des Abends ein Plastiksack mit PVC-Schaum zur Frauenleiche drapiert, während die Kochkünstler Klug, Loibner und Pacher-Theinburg mit einer Spielzeugeisenbahn „Sushi Low Fi“ servierten. Gelesen wurde von Sarah Fötschl, Max Höfler und Sophie Reyer. Ein Leseroboter vertrat einen nichtanwesenden Autor – möglicherweise eine zentrale Aussage seines blechern tönenden Sprechautomats: „Muss große Kunst produzieren!“
Vollständige TeilnehmerInnenliste unter www.maerz.at
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spotsZ - Kunst.Kultur.Szene.Linz 2006-2014