Unerwarteter Besuch Oder: Sind wir alle bunte Abende?

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Konzeptuelle Nachbetrachtungen eines bunt gestalteten Abends des Forum Stadtparks im MAERZ: Das Forum Stadtpark verweilte nach einer Präsentation am 29. August mit dem multidisziplinären Ausstellungsprojekt „Unerwarteter Besuch“ den ganzen September in der Galerie MAERZ. Die traditionelle Mehrspartigkeit des Grazer Forum Stadtparks versammelte in diesem Rahmen „30 Künstler und Künstlerinnen mit Musik, Literatur, Zeichnungen, Comics, Graffiti, Fotografien, Design, Kochkunst und vielem mehr“ zu einem bunten Abend. Ein Interview mit Anton Lederer vom Forum Stadtpark führte Tanja Brandmayr.

Der Begriff des „bunten Abends“ bietet einiges an gestalterischem Sprengstoff, wenn man davon aus­geht, dass dieser ein besonderes Phänomen, ein Ergebnis der Nachkriegszeit ist. Als Form der Frei­zeitgestaltung diente er vor allem der „Rekreation der Arbeitskraft“, der Zerstreuung und wohl auch in großem Maße der Verdrängung: In den 50er Jahren entstanden die großen Fernsehshow­for­ma­te (etwa mit Peter Frankenfeld oder Hans Rosen­thal als Showmaster) und als Form des geselligen Zusammenseins die bunten Abende, die gemeinsam von deren TeilnehmerInnen spielerisch und kreativ gestaltetet wurden. Ist die Präsentation des Forum Stadtparks in diesem Zusammenhang reine Ironie?
Den bunten Abend kennen wir doch alle vom Österreichurlaub. Im Hotel Seeblick ist es doch wohl nach wie vor üblich, dass, sagen wir jeden Freitag, ein bunter Abend zur Unterhaltung der Ho­telgäste angeboten wird. Und dieser Abend ist einer, wie du auch sagst, des geselligen Beisam­men­seins und des gemeinsamen Gestaltens. Die­ser Aspekt schien uns für den „unerwarteten Be­such“ bei MAERZ eine wichtige Komponente zu sein in dem Bestreben, die Vielgestaltigkeit des Fo­rum Stadtpark in Linz wiederzugeben. Wir woll­­­ten ein Bild einer Institution abgeben, einen Eindruck vermitteln mithilfe eines Veranstal­tungs­formats, das auch für uns sehr stark den Charakter des Experimentellen hat. Schon seltsam: Für uns ist die Abhaltung eines bunten Abends ein Experiment, wenngleich die Sache dei­­ner Recherche nach schon recht angegraut ist.

Das Projekt basierte auf der „in the pocket“-Überlegung, d.h. „die KünstlerInnen nahmen nach Linz mit, was in ihre Tasche(n) passte und sich leicht im Bus mitnehmen ließ“. Die Arbeiten entstanden größtenteils vor Ort, bzw. zum Teil schon auf der Fahrt nach Linz. Wie sind die Erlebnisse und Ergebnisse einer solchen Vorgehensweise?
Wenn nur wenig Geld zur Verfügung steht, dann ist „in the pocket“ natürlich naheliegend. Vor al­lem, wenn es auch darum geht, möglichst viele Kunstschaffende bei einem „unerwarteten Be­such“ vorzustellen. Diese Limitierung auf wenig Gepäck und die hinzukommende Thematisierung der Reise durch die Möglichkeiten einer Busfahrt haben wohl die meisten Mitreisenden angenehm empfunden. Das schließe ich zunächst aus den künst­lerischen Reaktionen und dann aus Gesprä­chen. Demnach hat es mal wieder richtig Spaß gemacht, sich ohne großes Brimborium auf den Weg zu machen und dabei auch noch ausgiebig Zeit zu haben, sich mit KollegInnen über dies und das zu unterhalten. Ohne großen Produktions­druck. Natürlich sind die Ergebnisse dann für alle eine Überraschung. Nicht einmal unser Pro­jektkomitee, bestehend aus 5 Personen, wusste, was genau in Linz ablaufen würde. Dem gegen­über stehen dann Entbehrungen eines solchen Pro­jekts, z.B. dass die KünstlerInnen mit keinem Ho­norar rechnen durften, und da mussten sich dann alle vorher fragen: Will ich das machen? Ich ge­stehe, dass ich selbst kurz schluckte, als wir dann alle vor der Jugendherberge standen. Nicht nur ich hatte in diesem Moment Erinnerungen an Schul­schikurse.

Wesentlicher Teil dieser Serie von experimentellen Ausstellungskonzepten (die in Graz im Jahr 2005 mit der Veranstaltungsserie „Die Szene sind wir“ begann) ist die Überlegung, auch die kuratorische Letztverantwortung in die Hände der Kunst­schaffenden zu übertragen. Worauf reagiert man mit einer solchen Herangehensweise? Wäre es etwa auch interessant, die Kunstkritik in die Hän­de der Kunstschaffenden zu legen?
Wenn ich sage, bei vielen Kunstprojekten fällt der kuratorische Overhead auf, dann ist das mil­de ausgedrückt. Das Kuratorenmodell hat viele Vorteile, keine Frage, aber ein Nachteil scheint mir zu sein, dass die Kunstschaffenden und gar erst das künstlerische Werk mehr und mehr in den Hintergrund geraten. Wichtig ist die kuratorische Idee und ihre Darstellung. Bitte mich nicht falsch verstehen, ich fühle mich selbst als Aus­stel­lungsmacher oft in der Rolle des Kurators. Aber es wird einfach schon recht oft übertrieben, was da der Kunst an Overhead aufgesetzt wird. Das hat sie gar nicht nötig. Aus diesen Überlegungen heraus liegt es gerade bei einer Künst­ler­Innenvereinigung, wie das Forum Stadtpark eine ist, recht nahe, die Qualitäten der Basis einer solchen Vereinigung, nämlich jene der Kunstschaf­fenden, wieder stärker ins Zentrum zu stellen. Und das versuchen wir mit diversen Veranstal­tungen. Eigentlich seltsam, es fällt mir jetzt eben zum zweiten Mal innerhalb dieses Interviews auf, dass dann von Experimenten gesprochen wird … aber das kommt vielleicht auch daher, weil das für uns Versuchsanordnungen sind, die zum Teil Grenzen ausloten, wie etwa das erwähnte „Die Sze­ne sind wir“, wo sich über 9 Wochen lang Künst­lerInnen nach einem Kettenbrief-System ge­genseitig eingeladen haben und wir null Ahnung hatten, wer da aller zum Zug kommen wird. Da gehört dann schon der feste Wille dazu, sich von etwas überraschen zu lassen. Und Überraschungen, im positiven Sinn, die das ganze rechtfertigen, hat es noch jedes Mal gegeben!

Das oben zitierte bereits vergangene Projekt des Forums „Die Szene sind wir“ erinnert mich über eine Ecke gedacht, an den Satz von Deleuze „Wir sind alle Gruppen“, der auf Gesellschaft und Indi­viduum als Vielheiten verweist, die sich wechselseitig und ineinander komplex verschränkt konstituieren. Bei fortgeschrittener Fragmen­tie­rung von Lebenswelten und auch der freien Szene selbst könnte vermehrt die Kunstschnittstelle von u.U. sehr diversen Szenen der bunte Abend sein. Sind wir dann alle bunte Abende – oder eben doch nicht?
Den bunten Abend im Kunstkontext verstehe ich als bewusste Aneignung. Und davon erwarte ich mir etwas anderes, als wenn z.B. der Begriff „Ver­nissage“ angeführt wird. Vernissage versus bunter Abend. Da liegen Welten dazwischen. … Aber nicht für alle Veranstaltungsformate im Kunst­feld wird der Terminus passend sein! Manchmal passt eben Vernissage besser, oder Lesung, oder Performance usf. Es kommt darauf an, welche Er­wartungshaltung ich beim Publikum wecken möch­te. Performance klingt ja mittlerweile schon so was von altbacken … da kommt mir der bunte Abend gerade sehr fortschrittlich vor. Aber vielleicht ist das ja in Linz ganz anders? Aber im Sin­ne dessen, sich von eingefahrenen Kunsthierar­chien und Kunstweltverrenkungen zu lösen, wür­de ich den Zustand „Wir sind alle bunte Abende“ auf den ersten Blick ganz gut finden. Momentan muss es eher noch heißen: „Wir sollten vielmehr bunter Abend sein“.

Anton Lederer, geboren 1970 in Graz, gründete 1999 ge­mein­sam mit Margarethe Makovec <rotor> (rotor.mur.at) und ist seit 2003 Vorsitzender des Forum Stadtpark in Graz www.forumstadtpark.at

„In the pocket“ führte u.a. zu folgenden Arbeiten: Auf einer Autobahnraststätte zwischen Graz und Linz zu­sam­men­ge­tragener Müll wurde von Joa­chim Hainzl zu einer Stadt­in­stallation von Graz aufgebaut und mit dem Schild: „Orte der Macht, Orte der Ausgrenzung, Aussonderung, Aus­til­gung“ versehen. Gegen Mitternacht folgte dazu ein sehr lebendiger Vortrag, ein historischer Ab­riss zur So­zial- und Stadt­entwicklung von Graz. Zur Orientierung: die blaue Kühl­box rechts auf dem Bild stellt den Schloss­berg dar.

Außerdem waren zu sehen: Retuschierte Fotos von Martin Krusche, der Ecken und Rundungen alter amerikanischer Autos auf ihre Quintessenz reduzierte. Zeich­nungen von Martin Hofbauer, die aussehen wie Comics, nur viel leiser und gar nicht schrill. Eine Bauanleitung in Textbildern von Miriam Mone und Max Gansberger, nach der man sich selbst als zu Fleisch gewordener Spreng­satz in die Luft jagen kann. Zwischen alledem wurde von Silvia Jölli und Conka Jasenko im Lauf des Abends ein Plastiksack mit PVC-Schaum zur Frauenleiche drapiert, während die Koch­­künstler Klug, Loibner und Pacher-Thein­burg mit einer Spiel­zeugeisenbahn „Sushi Low Fi“ servierten. Gelesen wur­­­de von Sarah Fötschl, Max Höf­ler und Sophie Reyer. Ein Leseroboter vertrat ei­nen nichtanwesenden Autor – mög­­licherweise eine zentrale Aussage seines blechern tö­nenden Sprech­auto­mats: „Muss große Kunst produzieren!“
Vollständige Teilnehmer­Innen­liste unter www.maerz.at

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