Kochen mit Unkraut und anderen Zutaten

Zum einen ergibt Kochen und Küche nicht immer eine „Kitchen Connection“. Zum anderen muss das dann nicht automatisch etwas mit Comics zu tun haben. Bei Unkraut-Comics ist das derzeit aber so: Mit dem Thema „Kochen“ geht es mit ZeichnerInnen von hier bis Holland, Serbien und Japan an diverse Nahrungsketten. Well und Martin Bruner im Interview.

Einerseits das omnipräsente Thema „Kochen“, andererseits eure traditionsreichen „Kitchen Drawings“. Kann man euer Thema so abstecken?
Die ZeichnerInnen rund um Unkraut treffen sich schon seit 2005 regelmäßig zu „Kitchen Drawings“, bei denen wir uns in einer Küche von Zeich­ner­Innen treffen, wobei parallel gekocht und gezeichnet wird. Unter­schied­lichs­te Sachen wie „Ping Pong“-Comics oder vorgeschriebene Geschichten, wie z. B. ein illustrierter Song von Johnny Cash, werden hier ausprobiert. Ex­perimentieren und das Zusammenarbeiten von ZeichnerInnen, von Ama­teur bis Profi, wird hier in gemütlicher Atmosphäre wahrlich gepflegt. Ir­gend­wann sind wir dann bei einem Wirten zusammen gesessen und haben uns gedacht: Eine neuere Ausgabe von Unkraut ist schon längst überfällig, da die vierte und letzte Ausgabe bereits 2008 erschien – wobei man wissen muss, dass Unkraut erstmals bereits 1997 erschien. 2009/10 waren wir mit diversen Projekten, wie beim „Festival der Regionen“, „Leonart-Festival“, „architekturforum oö“ oder „Next Comic-Festival“ aktiv. Es schien uns als selbstverständlicher Schritt, die fünfte Ausgabe zum umfassenden Thema „Kochen“ zu veröffentlichen. Die einzigen Vorgaben für diese Ausgabe wa­ren, dass die Geschichten sich ums Essen drehen und mit einem Rezept ab­schließen sollen.

In der ersten Ausgabe der Serie der „Unkraut 5.1 Kitchen Collection“ sind in einem Papiersackerl drei Mini-Comics und einige Gimmicks versammelt. Ihr bekennt euch für diesmal, für diese in drei Ausgaben geplanten Serie, zu Mini-Comics?
Mit diesem ersten Teil dieser Serie, wobei die folgenden beiden Teile in den nächsten Monaten erscheinen werden, präsentieren wir drei Künstler mit Ein­zelheften. Dies wirkt alles, wie wir hoffen, wie aus einem Guss, als Jau­sen-Sackerl mit Anleitungen oder als Besteck-Sackerl einer Airline oder was auch immer. Diese linolbedruckte Verpackung, wobei jedes Stück ein Uni­kat ist, kann auch als Überraschungstüte gesehen werden. Uns sprach die­se Idee, kleinformatige Hefte zu machen ästhetisch sofort an, vor allem zu diesem Thema. Im europäischen Raum findet seit geraumer Zeit ein „Mini-Comic-Boom“ statt, wenn man so will, unter anderem „kus“ aus Litauen oder „Lamelos“ aus Holland, die wir über die letzten Jahre hinweg nach Linz eingeladen haben. Die Gimmicks sind einerseits Previews für die nächsten Aus­gaben, eine kleine Essensgabel oder Beispiele von „Kitchen Drawings“, etc.

Wie kam das Zusammenwirken dieser tollen ZeichnerInnen zustande?
Wir wurden 2008 nach Pancevo/Serbien eingeladen, um dort ein gemeinsa­mes „Kitchen Drawing“ zu machen. Dort produzierten wir gemeinsam mit dem Zeichner Aleksandar Zograf, der ein Heft in dieser Ausgabe hat, und einer bunt gemixten Comicschar gemeinsam eine Geschichte, die in einem serbischen Comicbuch veröffentlicht wurde. Wir machten im Laufe der Jah­re noch weitere Projekte mit ihnen – alle waren begeistert von der Idee, und so steuerten neben Zograf auch die Brüder Palibrk jeweils ein Heft bei. Die japanische Zeichnerin Mika Satomi, die im nächsten Heft vertreten sein wird, die schon seit einiger Zeit auch in Linz lebt und bei Unkraut dabei ist, liefert mit einer Studie von Nudelessern einen weiteren Höhepunkt ab. „La­me­los“ aus Holland sind ebenfalls dabei, wir machten im April in der Kapu eine Ausstellung von ihnen. Des weiteren der kroatische Zeichner Steinfl, den wir durch Empfehlung einer Kollegin erfreulicherweise bei diesem Pro­jekt dabei haben. Neben den „Unkraut-Regulars“ gibt es dann noch das Au­torenpaar Stöger/Raffetseder, die vor kurzer Zeit einen großartigen Co­mic über Kubin im Verlag der Provinz veröffentlicht haben, und die wir un­be­dingt dabei haben wollten. In der ersten Ausgabe findet sich nun ihr Heft mit dem Titel „Palacinky“.

Es geht auch um halbwegs groteske „Nahrungsketten“. Zum Beispiel auch bei Aleksandar Zograf, ein sehr bekannter serbischer Zeichner: Er variiert „dog eat dog-Slapstick“ zu „god eat dog“? Andererseits verkocht sich Vuk Pa­li­brk u. a. selbst. Falls man das so fragen kann – was ist denn „State of the Art“ im zeitgenössischen Comic, bzw. was ist ein Ansatz, den ihr gut findet?
Es sind ausgesprochen viele Comics, die wir interessant finden. Es erscheinen seit den letzten Jahren unzählige hochqualitative Comics, die wohl un­ter dem Radar von fast jedem in, sagen wir einmal, Österreich liegen. Von jour­nalistischen Comics wie z. B. „Sacco“ zu „Comics ohne Worte“, wobei hier der surrealistisch agierende Jim Woodring ein Favorit von uns ist. Des wei­te­ren aus Frankreich: Trondheim, David B., Killofer, etc., aus Amerika: Kra­mers „Ergot-Anthologie“, Chris Ware, der Italiener Gipi, der Wiener Nico­las Mahler, Stripburger aus Slowenien, etc. Besonders fallen aber eben Mini-Co­mics aus der Norm, man freut sich, wenn man in einem Comicladen diese Klein­ode bergen kann. Wobei sich ein Teil der Herausgeberschaft eher mit älterem Material beschäftigt. „Bodyworld“ von Dash Shaw stellt z. B. den gefragten „State of the Art“ zurzeit wohl am radikalsten dar – ein Werk, das zukünftige Kunst prägen wird. Das Medium ist riesengroß und ähnlich wie in Literatur oder Film gibt es natürlich die unterschiedlichsten Sparten.

Vielleicht zur Sprache, die aus pragmatischen Gründen in Englisch gehalten wurde, bzw. abgesehen davon: An einer Stelle des Editorials heißt es, dass ein Comic, der ohne Worte funktioniert, die höchste Kunst ist?
Zur englischen Ausgabe ist anzuführen: Da die meisten ZeichnerInnen ihre Geschichten in Englisch ablieferten, entschlossen wir uns gleich das ganze Heft in Englisch zu halten.
Wer es beherrscht, nur die Bilder „richtig“ sprechen zu lassen, schafft wirklich große Kunst, im Comic wie auch anderswo. Reduktion durch Abs­traktion. Auch im Alltagsleben passiert viel ohne verbale Kommunikation, und trotzdem ist eine Kom­munikation da. Man muss eigentlich ein viel besserer Zeichner sein, um „Wordless Comics“ zu machen. Wenn das jemand, wie z. B. Woodring oder Zograf schafft, ist das wahrlich ein Augen- und Hirnschmaus.

Am Ende jedes Heftchens gibt’s ein Rezept, das grundsätzlich nachgekocht werden kann. Ist das mehr als ein Joke? Und: Ich habe gehört, es gibt ernsthafte Absichten, ein Kochbuch zu gestalten, das auf Comics basiert?
Die Rezepte sind dezidiert zum Nachkochen und auf keinen Fall als Witz oder dergleichen ge­dacht. Wir haben jedes Rezept akribisch und be­geistert probiert, für gut befunden und zur Prä­sen­ta­tions­party im August selbst vor Ort gekocht, wobei kei­ne Beschwerde an unser Ohr drang. Stö­ger/Raf­fets­eder haben ihr Rezept selber gekocht, auch dies ist Bestandteil des Projekts. In Zeiten der „Krise“ kochen Leute notgedrungen wieder mehr. Außer­dem sind Rezepte doch wohl sehr praktisch und grundsätzlich eine Bereicherung, da sich in der „Kitchen Collection“ auch internationale Rezepte wiederfinden ...

Abschließende Frage zur Zukunftsplanung: Wie geht’s denn weiter?
Am 26. 10. findet ein weiteres „Kitchen Dra­wing“ im Küchenbereich der Linzer Kapu statt, anlässlich des einwöchigen Kapuzunder-Fes­tivals – An­mel­dungen bitte via Kapu oder Un­­kraut! Die nächs­te Heft-Präsentation 5.2 werden wir in ei­nem „offizielleren“ Rahmen veran­stal­­­ten, wobei hier vor­rangig Stories aus dem Lin­zer Unkraut-Um­feld gezeigt und natürlich nach­ge­kocht werden. Des wei­teren sind wir wieder am „Next Comic-Festi­val 2011“ mit einem Projekt und einer größeren Präsentation, einer fantastischen Aus­stel­lung, die wir noch nicht verraten können, vertreten.

www.unkraut-comics.at, Vertrieb: www.pictopia.at
Hefte (in Linz) erhältlich: Buchhandlung Alex, Lentos-Shop

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10/10
FotoautorInnen: 
Vuk Palibrk, Damir Steinfl, Stöger/Raffetseder

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