Leerraum, Leerstand, Zwischenraum

Im Rahmen des Festival der Regionen starten Stadtwerkstatt und Radio FRO mit ersten Vor­projekten im Süden von Linz. Während des FdR verlagert man mit Zentrale.Filiale die eigenen Aktivitäten dann zur Gänze nach Auwiesen, wo ein Leerstand als Basis dient. Doris Prlic wird die Intervention zerlegt & verspielt in den Zwischenräumen des Festivalgebiets ansiedeln. Zum Gespräch im Rahmen der spotsZ-Reihe „Vor Ort im Vorort“ bat Wolfgang Schmutz.

„Das Sichtbarmachen ist wichtiger als die Bewertung des Raumes selbst“. Ein Gespräch mit Doris Prlic, Olivia Schütz und Sedjro Mensah über Leer­stän­de, Zwischenräume und den Idealfall.

Eingangsfrage: Wie ist eure Einschätzung des Phänomens Leerstand im Lin­zer Stadtraum?
Olivia Schütz: Leerstände und deren temporäre Nutzung findet man eigentlich überall. In Linz gibt es schon seit Jahren Bemühungen von Initiativen wie dem Fruchtgenuss, Leerstände zumindest aufzuspüren und zu dokumen­tieren. Nur die wenigsten werden dann wirklich genutzt, aber das hängt von verschiedensten Faktoren ab. Oft ist es problematisch, wenn eine Liegen­schaft der Stadt gehört. Da gibt es selten positives Feedback oder man kommt erst gar nicht an die relevanten Informationen heran.

Der Leerstand ist also beliebter als seine Nutzung?
O.S.: Ja, weil das natürlich mit Folgekosten verbunden ist. Deswegen werden Leerstände oft nur punktuell und über einen gewissen Zeitraum bespielt. Wenn private BesitzerInnen einem Projekt gegenüber aufgeschlossen sind, dann ist es meistens einfacher zu realisieren.
Doris Prlic: Das waren auch meine Erfahrungen mit den Leerständen Schil­lerstraße und Blumau. Wenn die BesitzerInnen kein Interesse haben oder noch nicht genau wissen, was sie mit der Liegenschaft machen wollen, dann ist es ganz schwer reinzukommen. Aber das ist nichts Linzspezifisches. Ge­nauso we­nig wie die Angst, die vor solchen Aktionen existiert.
Sedjro Mensah: Also ich bin ja der Ansicht, dass es gar nicht so gut ist, einen leerstehenden Ort an sich zu beurteilen, weil man damit zugleich eine ökonomische Wertung vornimmt. Das kann gerade im Zentrum der Vorbote einer Gentrifizierung1 sein. Ich finde es spannender, wenn man sich Gebiete am Stadtrand näher ansieht, wo es ein weniger großes ökonomisches Inte­res­se gibt.

Danke für die Überleitung zum Stadtrand! Dort bedeutet „Leerstand“ wahrscheinlich etwas ganz anderes als im Zentrum, oder?
S.M.: Auf jeden Fall. In der solarCity gibt es eigentlich gar keinen Leerstand. Dieses Benützen und Verwenden von Räumlichkeit ist da gar nicht oder nur schwer möglich. Man hat Orte planerisch optimiert, die für ihre Entwicklung Leerstellen brauchen würden.
D.P.: Wobei es in der solarCity schon Leerstände gibt, zwar keine Wohnun­gen, weil die ziemlich begehrt sind, aber Geschäftslokale. Das hat damit zu tun, dass die BewohnerInnen ganz schnell bei ihren Autos sind und dann eher in die nicht allzu weit entfernten Einkaufszentren fahren.

Zwischenräume hingegen sind am Stadtrand wohl leichter anzutreffen als in der Innenstadt.
D.P.: Das kommt darauf an wie man „Zwischenraum“ definiert und was man damit machen will. In der solarCity gibt es schon ungenutzte Flächen – insgesamt ist jedoch alles durchgeplant, Zwischenräume sind als Parkplätze oder private Gärten definiert. In Auwiesen gibt es hingegen viele undefinier­te Orte, die spannend sind.
S.M.: Letzte Woche bin ich zu Fuß von der solar­Ci­ty nach Ebelsberg gegangen, wo große Felder eine Art Puffer bilden. Und dort, wo die Autobahn verläuft, können keine Wohnungen gebaut werden. Die Gegend ist quasi mensch­lich steril, als ob man etwas isolieren wollte. Dieser Zwischenraum trennt die solarCity vom Rest der Stadt.

Zu den Projekten: Inwiefern hat das „Opera­tions­ge­biet“ bereits die Projekt­ent­wicklung im Vorfeld be­stimmt? Wie entwickelt ihr eure Formate auf die Stand­orte hin?
O.S.: Einerseits sind jetzt einmal Aktivitäten ge­plant, die das Projekt be­kannt machen sollen und uns mit den BewohnerInnen in Kontakt bringen, an­dererseits beginnen wir auch damit, den Leer­stand Wüstenrotpavillon2 zu be­spie­len. Im Vorfeld sind da jene Leute vor Ort besonders wichtig, die schon ein gewisses Netzwerk haben. Hier gilt es lau­fend in Kontakt zu sein, sich aus­­zutauschen und so auch gezielt ein Publikum zu kriegen. Das wird in Au­wiesen schwierig, das Publikum wird uns nicht zufliegen, es braucht eine in­tensive Aus­einandersetzung im Vorfeld.
S.M.: Diese Auseinandersetzung ist auch sehr wich­tig. Es wäre etwa ein Feh­ler unsererseits, zu de­finieren, was ein Leerraum ist. Wir haben vielleicht so etwas wie ein Vorgefühl, aber das muss von den BewohnerInnenn selbst be­wertet werden. Wir stellen lediglich die Infrastruktur zur Ver­fü­gung, damit auf etwas hingewiesen werden kann.

Dabei spielt das Radio als attraktives Werkzeug wohl eine Rolle …
S.M.: Ja, und auch die anderen Medien. Die Face­book-Assoziierung3 im Pro­jekt der Stadtwerkstatt ist ja auch eine Möglichkeit, dem ganzen einen ge­wissen Charme zu verleihen. Das Radio ist vielleicht nicht immer so anziehend für eine Gene­ra­ti­on, die einen anderen Umgang mit Medien hat. Da muss man erst zeigen, dass Radio ein relevantes Medium ist.

Wie realisiert sich das Projekt zerlegt und verspielt im spärlich vorhandenen Zwischenraum der solar­City?
D.P.: Es geht bei diesem Projekt ja nicht nur um Zwi­schenräume sondern auch um ungenutzte Räu­me bzw. deren Umnutzung. Das ist in der solar­Ci­ty schon sehr spannend – mit geplanten Orten zu arbeiten, aber diese dann an­ders zu nutzen.

Wie schätzt ihr generell die Wirkung künstlerisch belegter Räume ein – provoziert das eine Nachnut­zung?
O.S.: Also für den Wüstenrotpavillon interessiert sich schon das neue Stadt­teilbüro. Aber ein Leer­stand in Auwiesen ist ja nicht unbedingt charmant. Wenn dort im Einkaufszentrum Geschäfte leer bleiben, dann hat das etwas Trostloses. Das spürt man auch im Gespräch mit den Bewoh­ner­In­nen, die das als Schandfleck empfinden. Auwie­sen ist insofern auch eine Heraus­for­derung und Zen­trale.Filiale ein Versuch der Initialzündung. Es wird sich erst im Lauf des Projekts zeigen, ob je­mand gezielt anbeißt und den langen Atem hat, es weiterzuführen.
S.M.: Es ist jedenfalls wichtig, nicht zu hohe An­sprüche zu haben. Wir wollen ja nicht prinzipiell Räume bewerten, es geht vor allem um den Im­puls. Und auch darum, auf eine gewisse Leere zu insistieren, nicht nur auf die Be­legung. Das Radio ist grundsätzlich dazu da, etwas hörbar zu machen, was nicht sichtbar ist. Das Sichtbarmachen, die Ver­netzung zwischen den Be­woh­nerInnen und den verschiedenen Generationen ist wichtiger, als die Bewer­tung eines Raumes selbst.

zerlegt und verspielt hat ja mehr den Charakter des temporären Eingriffs, der aber nachhaltig Bli­cke auf Räume verändern soll.
D.P.: Genau. Es geht darum, seine Siedlung im Nachhinein anders zu erleben, verschiedene Orte mit neuen Erfahrungen zu verknüpfen. Dass man dann sagen kann, auf der Wiese, auf der wir sonst nur mit dem Hund spazieren gehen, war vor fünf Jahren diese verrückte Festivalaktion.
 
Es ist also eher unwahrscheinlich, dass die Bewoh­nerInnen der solarCity nach den Interventionen sa­gen, das möchten wir jetzt aber bitte auch anders nut­zen.
D.P.: Da stimme ich Sedjro zu, man darf sich die Ziele nicht zu hoch stecken, aber das wäre natürlich schon der Idealfall.

1    Kommt von engl. Gentry: niederer Adel, und meint den sozialen Um­strukturierungsprozess eines Stadt­teiles, die Aufwertung des Wohnumfelds durch teils gezielte und selektive Veränderung der Bevölkerung, sowie durch Restaurierungs- und Umbautätigkeit
2    Eine leerstehende Liegenschaft hinter dem Einkaufszentrum Au­wiesen, an der Endhaltestelle der Linie 1
3    Siehe nebenstehenden Infokasten

Vorprojekte:
Runder Tisch zum Thema Mobilität
Erich Klinger wird mit geladenen Gästen über Mobilität diskutiert.
23. Februar, Ort wird noch bekannt gegeben

Jugendkultur Workshop: Make your own video/audio
Als Ausgangspunkt der von Stadtwerkstatt und Radio FRO initiierten Workshops MyFriend soll die Erkundung des sozialen Umfeld von Jugendlichen im Stadtteil stehen.
Hotspots, Treffpunkte und wichtige Räume der jungen AkteurInnen stehen – architektonisch wie sozial – im Mittelpunkt visueller und akustischer Streifzüge durch Auwiesen. Mit den, den Jugendlichen wohlbekannten, Methoden und Techniken von Internetdiensten wie MySpace oder Facebook soll eine Art Socialnetwork auf analoge Weise nachgebildet werden.
14. März, Leerstand Wüstenrotpavillon

„Vor Ort im Vorort“: Das Festival der Regionen im Vorfeld
Das Festival der Regionen widmet sich 2009 mit dem Thema „Normalzustand“ den tatsäch­lichen oder eingebildeten Normalzuständen städtischen Lebens. Es bleibt auch im Sü­den von Linz, im städtischen Umfeld Auwiesen und Solar City, bei seiner Ausrichtung von ak­tueller ortsspezifischer Kunst und Kultur. Nach der verstärkt installativen Ausrichtung der letzten Ausgaben setzt das Festival 2009 in den Wohnanlagen von Auwiesen und der so­lar­City schwerpunktmäßig auf Partizipation, Performance und Präsenz der AkteurInnen vor Ort.

spotsZ widmet sich in der Serie „Vor Ort im Vorort“ bis Mai 2009 der Festival-Vorbe­richt­er­stattung und möchte anhand von stattfindenden Projekten, bzw. den laufenden Vorberei­tungen besonders die Begriffe Partizipation und Performance im Kontext des (sub)urbanen und künstlerischen Normalzustandes beleuchten – und als Serie eine kleine Phäno­me­no­lo­gie der Sichtbarmachung, des Zusammenlebens und Teilnahme zeichnen.
In Teil 4 der Serie soll es um Leerräume und Zwischenräume gehen. Damit schließt Teil 4 di­rekt an eine Aussage aus dem letzten „Vor Ort im Vorort“ im Jänner an, die den Zusam­men­hang von „ästhetischem“ Kunstdiskurs und realen sozialen Problemfeldern folgendermaßen zusammengefasst hat: […] „Hübschheit“ und „Schönheit“ – die eine [meint] der Lo­kal­politiker, die andere [ist] ästhetische Nachhaltigkeit. Und eine ebensolche Schönheit sei nur dadurch zu erzielen, dass man im öffentlichen Raum auf Überraschungen und Dis­har­mo­nien stoßen könne, auf Brüche und Strukturreichtum.“
Zwischen SolarCity und Auwiesen, zwischen Hübschheit, Leerraum, Verfall und Leerstand haben sich nun verschiedene Projekte im Vorfeld ihre Aktivitäten begonnen, um die Po­ten­ti­ale zwischen den sozialen Leerstellen und ökonomischen Bruchstellen aufzuspüren. Die Zen­trale.Filiale (STWST, FRO) steht während des Festivals als alternativer Medien- Kunst- und Kulturproduktionsort sowie als Treffpunkt für die lokale Bevölkerung und die Festi­val­be­sucherInnen zur Verfügung. Sie beinhaltet eine Audio- und Videowerkstatt, ein Sa­tel­li­ten-Cafe und eine Bühne sowie einen mobilem Produktionsraum. zerlegt und verspielt (von Doris Prlic betreut) entwickelt Möglichkeiten der Freizeitgestaltung außerhalb der Wohnbe­reiche im Festivalgebiet – mit Aktionen, Performances und Installationen rund um Freizeit, Spiel und Freiräume. Die Projekte finden ab Mai an Orten wie Grünflächen, Innenhöfen oder Fahrradkellern statt.

Mehr Informationen zum FdR: www.fdr.at.

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02/09

Noch nicht ganz zentrale Filiale – der Leerstand Wüstenrotpavillon.

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