Aus der Ferne – Feminism

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Als ich letztens an der Tür wartend meinen Sohn sich das Treppenhaus heraufkeuchen hörte, schließ­lich um die Ecke biegen sah, fertig, aber braungebrannt und Überglück aus den Augen blitzend – da sah ich mich selbst die Stirn runzeln und hörte mich eine Sekunde darüber nach­denken, wann sein Vater und ich eigentlich die­se Vereinbarung getroffen hatten, die da ganz offensichtlich besagt: Er kriegt die Ferien und den Spaß, ich den Alltag und das tägliche Auf­stehen um sechs. Ich kann mich nämlich nicht dran erinnern, irgendwie hat sich das in den Jah­ren so eingeschlichen und wurde von den bei­den wahrscheinlich damals in Disneyworld Paris besiegelt. Meine gebetsmühlenartig wiederkehrenden Bitten, doch weniger Action und dafür den einen oder anderen Arztbesuch zu unterneh­men, blieben und bleiben vom Vater im besten Fall ungehört, im schlimmeren werden sie un­ge­niert mit einem Besuch im teuersten Restaurant des Landes beantwortet, und mir bleibt dann das Vergnügen des nächtlichen Telefonats über Bauchdrücken und Schlaflosigkeit, schließlich will man doch den Vater nicht damit belästigen. Damit nicht genug spart der aus dem Schlaf ge­rissene Geschlechtsgenosse des Vaters nicht mit Vorwürfen, angehörs des Telefonats, und Fra­gen, warum ich nicht längst schon im Auto säße, den armen Sohn aus den vom Dessert zuckrigen Klau­en des Vaters zu holen, und mich mütterlich um ihn zu kümmern, mit Fencheltee und Wärm­fla­schen. Weil er 15 ist? Weil er wissen sollte, wann es genug ist? Weil sein Vater nebenan schläft? Wa­rum muss ich solche Fragen eigentlich be­ant­worten? Und warum liegt gender trouble nicht auf dem Nachttisch, um nötigenfalls damit auch mal zuschlagen zu können?

Nun, da Johanna Dohnal tot ist, tun solche Ge­dan­ken und Fragen und Erlebnisse doppelt weh, weil da gefühlsmäßig viel zuwenig Zeit war, um den einen feministischen Ansatz in Form von So­zi­a­li­sie­rung in den frühen siebziger Jahren aufzusaugen, und den anderen, eigenen im Erwach­se­nen­al­ter weiterzuentwickeln. Und so schwimmt man irgendwo noch dazwischen, verlässt sich mal auf In­tuition, mal auf Gelesenes, und ist etwas ver­wirrt.
Denn der Gedanke, wirtschaftlich und finanziell nicht abhängig zu sein, mündete bei vielen Frau­en in der Lebensrealität, in drei und mehr Jobs das zu verdienen, was ein Mann in einem verdient, zusatzausgestattet mit dem Glück der alleinigen Kindererziehung. Im Gegensatz zu unseren Müttern, die – obgleich verheiratet – inoffiziell auch schon Alleinerzieherinnen waren, dürfen wir beim Steuerbescheid wenigstens Alleiner­zie­her ankreuzen. Gekündigt können wir nicht werden, weil wir niemals angestellt waren und dank Massenkommunikationsmitteln und einer massiven genealogischen Krise gelten wir mit vierzig als die neuen Dreißigjährigen, sollten aber bitte schön auch so aussehen. Unangenehm wird es, wenn wir gegenüber unseren Freundinnen zugeben müssen, dass wir noch nie einen Autoreifen gewechselt haben und gleichzeitig auch unsere Socken nicht selber stricken, weil sich irgendjemand die Sache mit dem DIY ausgedacht hat und ich nicht den blassesten Schimmer hab, wozu es gut sein soll. Nein, ich will mein Bad nicht selber fliesen, und ich anerkenne in den allerseltensten Fällen den künstlerischen Qualitätsanspruch von Sticken und Stricken.
Und nein, ich will beileibe nicht alles können (müs­sen), und ich will auch nicht superwoman in den Fängen eines höchst zwiespältigen third wave fe­mi­nism sein. Viel lieber würde ich viel mehr le­sen, vielleicht entwirren sich dann die letzten vierzig Jahre in frauenpolitischer Hinsicht und beantworten sich Fragen danach, warum sich kaum etwas verbessert, sich sehr viel aber für sehr viele Frauen verschlechtert hat. Denn mein Ärger darüber, dass der tolle Vater so selten so tolle Sachen wie Elternabende, Arztbesuche, drei-Tage-voraus-Kochen und Lernen für Schul­ar­bei­ten unternimmt, verblasst völlig angesichts der Probleme einer Mutter mit mehreren Kindern und weniger Vater, mehreren und weitaus schlech­ter bezahlten Jobs, und vor allem kaum Aussichten darauf, dass sich ihre Lebens­situa­tion oder die ihrer Kinder ändern wird.

Gerechtigkeit gibt es angesichts einer in Österreich immer noch und immer wieder gültigen Ver­erbung von Bildung oder Reichtum bzw. Un­bil­dung oder Armut nicht. Dass man sich darauf verlassen kann, zeigen Blicke in Arztpraxen oder bestätigen Gespräche mit ÄrztInnen, die etwa seit Jahren darauf aufmerksam machen, dass Ar­mut und geringe Bildung krank machen. Und daran will offenbar niemand rütteln, nach dem Motto: Ein bisschen Unterschied soll ja doch er­kennbar sein, nicht wahr? Und das macht, rück­blickend auf Johanna Dohnal und die siebziger Jahre als ein offenbar nicht gleich als solches erkanntes trompe l’oeil Gemälde, eine Schein­ar­chitektur der Gerechtigkeit zwischen Männern und Frauen, unabhängig ihrer sozialen Her­kunft, wütend und traurig, auch, weil kein feministischer Ansatz bislang an der realen Lebens­situa­tion vieler Frauen in Österreich etwas zu än­dern im Stande war.

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03/10

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