Der Gegenwartserinnerungsrecycler

Vom „Rebel Club“ bis zum „One-Night-Stand“: Im September ist der bildende Künstler Kurt Lackner bei der LeonArt und bei einer eintägigen Personale in der Landesgalerie mitvertreten. Norbert Trawöger zeichnete ein Porträt und besuchte Lackner noch im August bei seiner Residency im Gelben Haus Bellevue.

Das Gespräch findet im Gemüsegarten des Bellevue statt. Kurt Lackner ist hier einer von 16 Artists in Residence. Vor drei Monaten ließ Lackner über Flyer oder Mundpropaganda einen Suchauftrag verbreiten, der die umliegende Be­völ­kerung des Spallerhofs und des Bindermichls um Abgabe von Fotos, Doku­menten, Zeitungen, Reklame und anderem aus der Ver­gan­gen­heit bat. Und hier liegt ein Schnittpunkt aus verschiedenen Brennbereichen seiner Person: Der Künstler trifft auf den Sammler und Archivar, der er auch seit Jahr­zehn­ten ist. In seiner Bellevue-Collage findet ein Soldatenfoto aus dem zweiten Welt­krieg neben den Abrechnungslisten der Tafelsammlung der na­hen Pfarre Platz, wie auch das aktuelle Fußballergebnis des Spiels von Ra­pid gegen den Lask vom 1. August dieses Jahres. Auf Lackners dadaistischer Collagenoberfläche schwimmen unterschiedlichste Schichten aus seinen Tie­fengängen in die Vergangenheit und deren Kammern, aber auch Derivate von Zeitaktuellem hoch und manifestieren eine tagebuchartige Ver­suchs­an­ord­nung, die sich um zeitliche oder thematische Nähe wenig zu scheren scheint, aber doch immer zeitdokumentarisch wie geografisch einordenbar ist und da­mit selbst zum historischen Dokument wird. Die Elemente überdecken, addieren, konterkarieren sich, werden übermalt oder schaukeln sich mitun­ter skurril auf. Jeder Betrachter hat im Archiv seiner eigenen Erinnerungen zu kramen, um sich dann lustvoll auf seine individuelle Assoziationsspur be­geben zu können: Ein Fünfzehnjähriger erkennt im Portrait Jochen Rindts vermutlich keinen Rennfahrer, sondern eher eine Plattnase. Post­karten­idyl­len längst vergangener Tage postulierten sich mitunter als subversive Kriti­ker an Entwicklungen der Gegenwart. Lackner ist ein Haptiker, er greift nach Dingen, die als Original erreichbar sind. Seine Arbeitsweise kennt nur Sche­re, Kleber und Stift. Photoshop-Anwendungen sind ihm undenkbar und Punk­rock-Klassiker wie die Ramones notwendige Arbeitsmusiken.

Archivar der Erinnerung.
Lackner „gräbt“ in den Kellern, Dachböden, auf Flohmärkten und sonstwo. Keine Zeitung kommt ihm ungeschoren unter die Schere. Auch wenn er wie zuletzt für drei Monate in ein Atelier der „Fabrik“ in Burgdorf bei Bern eingeladen war, werden nach der Rückkehr die Zeitungen durchgeackert und bemerkenswerte Images archiviert. Sein Sammeltrieb blickt vor allem in die Vergangenheit. Was für den einen Müll ist, ist für ihn ein Fragment des Festhaltens der Zeit, der Erinnerung oder auch Ausdruck von heute flüchtig gewordenen Qualitäts- oder auch Dokumentieransprüchen: Reklame, Gra­fiken, Spielzeug, Schilder, Schallplatten, Zeitungen und Fotos – seit 1995 mit dem Themenschwerpunkt „der unsäglichen Zeit des Dritten Reiches.“, wie Lackner sagt. Ein Projekt, an dem er auch seit langem arbeitet, wird in ei­nem Buch münden: „Im Krieg“ ist der Arbeitstitel. Ursprünglich war sein In­te­res­se am zweiten Weltkrieg ein fotografisches, bei dem er ehemalige Sol­daten aus seiner Heimatgemeinde Ottensheim und darüber hinaus dokumentiert. Weiters wurde in den Begegnungen mit den Männern das Wort immer wichtiger und es entwickelte sich das Projekt um eine textliche Kom­ponente weiter – in der nichts drinnen steht, was die Befragten nicht möchten. Dies führ­te ihn dann zum Sammeln der historischen Fotografien. Foto­gra­fie ist für Lackner sein zweites künstlerisches Ausdrucksmedium, dabei ist ihm wie bei allen seinen künstlerischen und sammlerischen Arbeiten immer die Se­rie wichtig. Im Brennpunkt seines fotografischen, nach wie vor analogen (!), Blicks steht das Portrait mit Themen wie Jugendkultur oder Tätowierung.

I don’t wanna grow up.
Im kommenden Monat wird Lackner bei einigen Projekten beteiligt sein, vor­erst beim von Martin Hochleitner in der Landesgalerie initiierten „One-Night Stand“. An 21 Tagen stellen täglich wechselnd 21 Linzer KünstlerInnen aus. Für seine Personale (06.09.) hat er sich unter dem Motto „I don’t wanna grow up“ ein Best of aus den letzten Jahren vorgenommen und will die Lan­des­galerie zu einer lustvollen Spielwiese in Art einer Installation seiner Ar­beiten und Sammlungen machen.
Gemeinsam mit vier anderen Kunstuniabgängern bildet Lackner das Künst­lerkollektiv „Rebel Club“, die sich vor allem in kunstfernen Räumen be­we­gen wollen, wenn auch die Dokumentation ihrer Aktionen wieder Eingang in Ausstellungen – wie zuletzt beim Linz Blick im Lentos – findet. Bei der Leondinger Leonart „vor_Ort“ wird der Rebel Club zum SPP, zum Son­der­post­­partner, er betreibt im Leondinger Stadtpark eine Art Son­derpostamt, in dem die Möglichkeit besteht, Grußpost im Stadtgebiet auf ganz besondere Art zu versenden. Die gesammelte Post wird von den Künst­lern – in adäquater Mon­tur und Arbeitshaltung – persönlich und gebührenfrei zugestellt. Der Fun­fak­tor kommt bei dieser Künstlergruppe ebenso wenig zu kurz, wie das Auf­grei­fen von ganz aktuellen Themen. Lackner ist auch Mitglied im Künstler­zen­trum Schloss Parz, das die Arbeit von Hans Hoffmann-Ybbs weiter brennen lassen will. Von 22.10.–22.11. kommt es in den Parz-Kontakten zu einer Ausstellung im Gries­kirchner Wasser­schloss, bei der er mit dem spanischen Künstler Ricardo Laspi­dea zu­sammenarbeiten wird.
Kurt Lackner lebt und arbeitet sehr gern in Linz, war und ist auch als Kunst­vermittler im Lentos tätig und ist Mitglied der Künstlervereinigung Maerz.

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09/09
FotoautorInnen: 
Gregor Graf

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