TEXTA sind dagegen

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Wenn Linz tatsächlich die heimliche Pop-Hauptstadt Österreichs ist, dann sind TEXTA ganz sicher Urgesteine des Hofstaates, vielleicht sogar sowas wie Graue Eminenzen. Seit 1993 erfindet die Linzer Hip Hop Combo sich selbst und ihr Genre regelmäßig neu und beteiligt sich maßgeblich am Auf- und Ausbau der florierenden Linzer Szene – die es ohne TEXTA in dieser Form nicht geben würde. Nun ist endlich das neue TEXTA-Album „Paroli“ erschienen.

Auf ihrem sechsten Album hat sich sowas wie eine ge­wisse Abgeklärtheit eingeschlichen. Routine im besten Sin­ne, gewissermaßen. Vorbei die etwas trashigen Sounds und Arrangements der Anfänge, als man das Genre noch für sich entdecken und die Skills entwickeln musste, vor­bei auch die selbstbewusste und gelungene Leis­tungs­schau des letzten Albums „so oder so“, hier geht’s ganz klar um Inhalte und Selbstverständnis. Insofern mag man das Album auch ein wenig als Selbst­erklä­rung verstehen: Texta widmen dieses Album wohl am ehes­ten sich selbst und finden in vielen Tracks die Ge­legenheit, sich selbst zu reflektieren und zu positionieren. Kein Kon­zept­album, aber ein Attitüdenalbum. „Das ist natürlich das Alter“, meint Rapper Huckey im Ge­spräch, „wir sind ja fast alle weit über dreißig oder schon über vierzig. Was sollen wir da noch auf jugendlich machen?“

Hip Hop wird in der Öffentlichkeit vor allem als sexistisch, materialistisch und gewaltgeil wahrgenommen. Ei­nerseits ist das aufgrund der medialen und kommerzi­el­len Verwertung (und auch Selbstinszenierung) von Tei­len des Genres keineswegs verwunderlich, anderseits halt doch nur die eine Seite der Medaille. Denn es gibt ja auch die anderen: „Wir sind ja das genaue Gegenteil, des­wegen heißt das neue Album auch ‚Paroli‘. Irgendwer muss ja dagegenhalten“. Insofern verwundert es nicht, dass das aktuelle Album als das bislang politischste er­scheint. Ohne Zeigefinger werden homophobe Gangster-Rapper abgewatscht und politische (Selbst-)Erkenntnis bzw. Aktivismus eingefordert. Statt Altersmilde stellt sich fast eine gewisse Altersradikalität ein – schon die ersten Minuten des Albums sind ein Rundumschlag ge­gen Musikindustrie, Rap-Mythen, Christen, Medien, Ber­lusconisierung und ein deutliches Statement, es selbst anders, ja besser machen zu wollen und zu können.

Insofern ist „Paroli“ tatsächlich das im Pressetext be­schrie­bene „elder statement“ der fünf Texta-Burschen. Doch keine Bange: Zwischen Philosophie und Politik bleibt auch genug Platz für das Texta-typische Story­tel­ling („Die Faust“) mitsamt dazugehörigem Witz („So könnt’s gehen“). Auch die genre-immanente Lust am Ko­operieren mit anderen Artists ist ihnen erhalten geblieben. So hört man den Urban-Sprawl-Sänger Wenzel Washington („Ups & Downs“), die Attwenger („So schnö konnst gor net schaun“), und der Track „Jugend ohne Kopf“, ein Zwiegespräch zwischen den alten Hasen TEX­TA und der Linzer Nachwuchshoffnung AVERAGE MC, ist eines der Highlights des Albums. Daneben gibt’s ein fantastisches Interlude vom Tonträger-Poeten Ovo, das ei­gentlich das mutigere Albumintro gewesen wäre, so­wie auch noch einen Song mit Gastrapper und Wahl­lin­zer Nikitaman („Kein Problem“) und den einen oder an­deren geborgten Beat.

Insgesamt ein wundervolles Album, das wie jede an­spruchs­volle Hip Hop Scheibe eine gewisse Zeit zum Reinhören abverlangt. Die eine oder andere Kante hätte man vielleicht noch ausfeilen können, aber zu glatt will man sich TEXTA ja auch nicht vorstellen. Für die Fans: Eine limitierte Auflage von „Paroli“ enthält eine DVD, un­­­ter anderem mit allen TEXTA-Videos und einem Live-Mitschnitt vom letzten Donauinselfest („Da haben wir gerade Geld vom österreichischen Musikfonds gehabt und haben gesagt: Jetzt oder nie! Unglaublich, was so ein Livemitschnitt kostet.“). Für die, die Hip Hop langweilig und/oder dumm finden: „Paroli“ ist eine Spitzen­mög­lich­keit, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Zeit nehmen, anhören, erkennen!

Who the fuck is TEXTA?
Als TEXTA zu Beginn des vorangegangenen Jahrzehnts zum ers­ten Mal eine komische Musik namens „Hip Hop“ nach Linz bringen wollten, waren etliche Mitmenschen skeptisch. Nur mit Mü­he und Not durften die ersten Hip Hop Jams in der KAPU stattfinden, skeptisch beäugt von der Punk- und Hardcore Elite. Ein­einhalb Jahrzehnte später hat die Popgeschichte den damaligen Visionären rechtgegeben: Hip Hop ist heute größer als Jesus, und TEXTA gelten als Personifizierung von österreichischem Sprech­gesang. Unzählige Konzerte und Jams zwischen Kufstein und Kuba, etliche Videos, Singles und Kooperationen. Airplay und Chart­sieger bei FM4, Amadeus-Nominierung, internationaler Res­pekt von den KollegInnen; nur leben, ja leben kann man da­von halt immer noch nicht: Am Wochenende auf den Bühnen, die die Welt bedeuten, dazwischen leider immer noch an diverse Büro- und Kulturjobs gefesselt. Österreich ist ein kleiner Mu­sik­markt, und Dialekt-Rapper haben’s im Ausland natürlich schwer.

„Wir mussten Hip Hop ja neu erfinden für uns“ beschreibt Huc­key, Rapper bei Texta, die schwierigen Anfänge. Dement­spre­chend trashig klingen vom heutigen Standpunkt aus die damaligen Aufnahmen. Doch die Entwicklung erfolgt rasant: Nach den ersten Gehversuchen in den 90ern, in denen TEXTA durchaus den Grundstein für die jetzt so lebendige (und überaus erfolgreiche) Linzer Hip Hop Szene legten, konnte man spätestens mit dem zweiten Album „gegenüber“ (1999) auch Musikinteres­sier­te außerhalb der eigenen Community überzeugen – über 15.000 verkaufte Scheiben sind für den österreichischen Musikmarkt eine gewaltige Menge! Mit dem übernächsten Album „so oder so“ (2004) hatten TEXTA definitiv ihren auch im internationalen Vergleich hohen Qualitätsstandard erreicht: Eine unglaublich viel­fältiges, experimentierfreudiges Scheibe mit Ecken und ein voller Erfolg bei KritikerInnen und Fans (Platz 1 in den FM4-Sin­gle­charts und mehrere Wochen in den österreichischen Album­charts).

Doch auch abseits der Bühne sind TEXTA HipHopper jenseits des Klischees und eifrige Aktivisten der regionale Szene – keine Selbstverständlichkeit für Musiker weit jenseits der 30. Mit ih­rem selbstverwalteten Label „Tonträger Rec.“ bieten sie eine er­folgreiche Plattform für etliche lokale Artists, darunter erfolgreiche Linzer Acts wie „Die Antwort“. Gemeinsam mit dem Nach­wuchs organisierten sie 2005 das Hip Hop Mammutprojekt „Die Unsichtbaren“, aktuell sind sie mit den „Tonträger Allstars“ un­terwegs. Die TEXTA-Mitglieder veranstalten regelmäßig Hip Hop Jams abseits des Mainstream in Linz und arbeiten mit internati­o­nalen wie hiesigen Acts zusammen.

Texta: MC Flip, MC Laima, MC Huckey, MC Skero, DJ Dan
www.texta.at
Texta: „Paroli“ (CD+DVD oder DoLP), Geco Tonwaren/Hoanzl
Ab 14. September 2007 in den Läden!
CD-Präsentation: Fr 14.09., 20.00 h, Posthof.

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FotoautorInnen: 
Flo Maucher

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